Nein, heute trete ich nicht vor die Tür. Erstmals seit langem bin ich erkältungskrank und habe mich zu Bettruhe verdonnert. Zwischendrin gibt es Dinge zu tun, aber die sortiere ich mir in Portionen. Krank genug, um mich offiziell krankschreiben lassen zu lassen, fühle ich mich nicht. Es ist ein unbefriedigend unklarer Zustand. Ich weiß nur: Ignoriere ich dieses gründelnde Halbkrank, resultiert daraus mit ziemlich großer Sicherheit ein eindeutiges Vollkrank mit anschließendem Mörderhusten über Wochen. Nein, danke.
Immerhin Gelegenheit, mal wieder was ins Blog zu schreiben. Ich lese heute Morgen Geschichten von einem gewissen Abend in München. Eine klingt wie eine Art Fortsetzung von Absolute Giganten, bekannterweise einer meiner Lieblingsfilme. Eine Bloglesung, dass es sowas noch gibt!
Menschen verließen diese Unternehmung mit Entschlüssen, wieder häufiger zu bloggen. Das wirkt ansteckend.
Zumal sich in den Notizen meiner Gänge ins Heimbüro doch einiges angesammelt hat; Gänge, die es dann doch nur nach Instagram geschafft haben, quasi eingetuppert, um vergessen zu werden.
„Wir haben uns alle verändert, aber wir sind auch sagenhaft gleich geblieben.“ Ein Satz von Annika Büsing in ihrem fabelhaften Buch „Magisch“.
Auf Lücken pfeifen, weiterbloggen.
Denn sonst bleiben die Flusspferdwolken dieses einen Morgens unerwähnt, unter denen ein sehr kleines, ernsthaftes Mädchen einen ebenfalls sehr kleinen Spielzeughund auf Rollen mit sich führt.
Mit einem jämmerlichen Klagelaut öffnen sich Rolläden. Fenster blinzeln ins Licht eines neuen Tages. Ich lebe im rollädenfreien Teil des Viertels und bin oft irritiert, wenn ich in Gegenden komme, in denen Rolläden Usus sind. Das Ausschließen von Dunkel und Licht.
„Rapunzel, Rapunzel, lass‘ dein Haar herab!“ Eine Straße weiter wird ein Haus eingerüstet. Ich habe von Gerüstbauern bereits Ausdrücke gehört, die meinen Wortschatz in bislang ungeahnter Weise erweitert haben. Gerüstbau scheint ein Gewerk zu sein, in dem es recht rau zugeht. Das herrlich alberne Gekicher mit Märchenzitaten ist zur Abwechslung sehr erfrischend.
Nach den Schulferien liegt immer ein besonderer Sound überm Viertel. Das Leben spielt sich eine Etage tiefer ab. Etwa in Hüfthöhe knubbeln sich bunt gekleidete Menschen mit Meerschweinchenstimmen, die auf unterschiedlichen Fahrzeugen von Elternteilen in Schule und Kindergärten geleitet werden. Rosa Helm, rotes Rädchen und dazwischen ein breites Grinsen. Orangener Helm, rosa Jacke, weißes Rädchen. Wie bunte Gänseblümchen wimmeln sie auf den Wegen und in den Straßen.
Zwischendrin tobt ein Rudel älterer Schüler*innen auf Rädern durch, laut quasselnd und mit blassen Morgengesichtern.
Ich sehe meinen Atem. Der falsche Herbst, auf den klimawandelwarme Tage folgten, ist abgelöst durch den richtigen Herbst. Nun liegt morgens Tau auf den Wiesen. Das Licht wird milchig überm Rhein, der ganz sachte nach den kostbaren Regenfällen wieder mehr Wasser führt.
Am Anleger liegt seit Wochen stets dasselbe Flusskreuzfahrtschiff. Hin und wieder füllt es sich mit Menschen. In den Tagen davor halten LKWs mit Getränken und Lebensmitteln. In den Tagen danach wird das Leergut abgeholt und die menschlichen Hinterlassenschaften mit Spezialfahrzeugen abgesaugt. Der würzige Duft zahlloser entleerter Verdauungstrakte mischt sich mit dem Dieseldunst. Warum ist es am Rhein so schön? Nun ja.
Was wirklich schön war: Ich nehme wie üblich diese eine Treppe vom Rheinufer hinauf zur Rheinuferstraße, auf das schielende Haus zu. Am Ende der Treppe steht ein halbhohes Hündchen mit weichem Fell, das nur mich dringend zu erwarten scheint. Der Schwanz wedelt mit dem ganzen Hund und die Ohren klappen in Welken zur Seite. Mit dem Einverständnis der Inhaberin freuen Hund und ich uns für einen schönen Moment übereinander.
Skeptisch hingegen mustert mich das kleine Kind, das in einer Parkbucht abgestellt ist und in seinem Kinderwagen vor sich hinschnullert. (Die Verantwortlichen sind ein Auto weiter mit Ein- und Ausräumaktivitäten beschäftigt.)
Wörter, die ich mir notiert habe: Häppchen, tüdelü, Hallodri, düpieren, Grundgütiger, Fusel, hurtig, Raffzahn, Nervensäge. Ich hatte doch mal dieses Büchlein erhalten, in das man früher Adressen und Telefonnummern notierte. Umgewandelt hatte ich es in eine Sammlung von Wörtern „für schön“. Irgendwohin hatte ich es gelegt. Irgendwann hielt ich es nochmal in Händen. Irgendwo wird es sein.
„So viele Gefühle gleichzeitig hatte ich noch nicht vorher.“ Sagte in einem Fernsehbeitrag neulich Amelie Brüning, die im Taekwondo eine Silbermedaille für Deutschland gewonnen hatte. Bei was auch immer. Aber diesen Satz der beeindruckenden jungen Frau mochte ich doch sehr.
„Allem Schlechten auf der Welt muss man mit Schönheit begegnen.“ Den Satz fischte ich aus Martina Hefters neuen Roman „Nach der Sonne schauen“.
Erstmals blogge ich übrigens vom Mobilgerät und weiß nicht, ob ich das mit den Bildern so hinbekomme wie sonst.










