Hui! Da fliegt ein Blogstöckchen.
Die Kaltmamsell warf es, Frau Vogel fing es und auch Irgendwie Juna. Alle Kindheitserinnerungen gern gelesen. Und weil es eine so hübsche Gelegenheit ist, mal wieder was ins Blog zu schreiben und zugleich ein paar Lieblinge aus Kindertagen an mein Herz zu drücken, nun.
1. Welches war dein erstes Stofftier und was verbindest du damit?
Lange Zeit glaubte ich, Schnuff sei es, mein heißgeliebter Stoffhund. Doch meine Frau Mutter drückte mir vor einigen Jahren einen komplett ausgelutschten, durchgeliebten Stoffhasen in die Hand. Sie hatte ihn aufgehoben und, in der Tat, auf einem der ersten Fotos von mir aus dem Jahr 1972 sehe ich den Hasen noch ganz neu und prall neben mir im Babybett sitzen. Auch an die Stoffschäfchen erinnere ich mich noch. Sie fielen einst unserem sehr entschlossenen Familiendackel zum Opfer, der beruflich etwas unausgelastet war und nach und nach meine Stofftiere massakrierte. Der Hase oder vielleicht eher Kaninchen hat doch in den nunmehr fast 54 Jahren deutlich an Form verloren und altert wie seine Inhaberin vor sich hin.
Dass ich ausgerechnet den Hasen vergessen hatte, beschäftigt mich durchaus. Seinem Zustand ist abzulesen, dass ich ihn sehr intensiv an mich gedrückt habe.
Stofftiere haben mir immer viel bedeutet. Die engsten Plüschkumpel leben hier im Kleiderschrank und immer, wenn ich dort etwas rausnehme, entschuldige ich mich für ihr Dasein im Dunkeln. Ich tätschele dann schon mal alle kurz durch und ermahne mich zu mehr Reife. Aber was bedeutet das eigentlich? Immerhin standen mir diese Stofftiere lange Jahre bei. Es gibt einen sehr schönen Erklärfilm von Alain de Bottons School of Life zur Importance of Soft Toys. Außerdem bin ich Kind der Generation Muppets. Natürlich sind Stofftiere echt, was sonst? Heute jedenfalls dürfen die Stoffkumpel mal raus und sitzen nun im Sessel hinter mir.
2. Wie stelltest du dir als Kind dein Erwachsenenleben vor?
Es gab wenig Raum für Lebensentwürfe in dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin. Jungs schien die Welt offenzustehen. Sie konnten Bauern oder Förster werden. Oder was mit Büro machen. Wie mein Vater, der so viele interessante Stifte und immer ausreichend Papier zum Malen auf seinem großen Schreibtisch hatte. Selbst wenn er da nie gemalt hat, dafür ich, wenn ich in seinem Büro mal warten musste. Mädchen wuchsen zu Heiratsmaterial heran, die den Richtigen finden mussten und Kinder bekommen. Mir schien das schon als Kind wenig erstrebenswert, ein Eindruck, der durch die Beispiele, die mir in der Familie vorgelebt wurden, verstärkt wurde. Spätestens mit 12 war mir klar: Ich bekomme eher ein Pferd als ein Kind.
Ich hatte lange Jahre den Traum, etwas mit Pferden oder wenigstens Tieren zu machen. Als Kind stromerte ich viel in den Kuhställen der Bauern in unserem Dorf herum. In den Ferien arbeitete ich ab 14 oft auf Reiterhöfen und in Reitställen. Tief in mir saß aber immer auch der Zweifel, der körperlichen Arbeit bei Wind und Wetter nicht gewachsen zu sein. Als MÄDCHEN. Und natürlich bekam ich auch mit, dass man in Landwirtschaft und der Reiterei idealerweise einen Hof oder wenigstens Geld mitbrachte. Sonst blieb man am Ende der Futterkette.
Meine Idee, Tierärztin zu werden, kam mir abhanden, weil ich mir als MÄDCHEN ein so langes Studium nicht vorstellen konnte, weil ich mich dem Patriarchat gemäß doch frühzeitig um Mann und Familie zu bemühen hätte. Schon eigenartig, wie unklar und verwirrt ich war. Es gab nun auch niemanden zum Austausch über solche Gedanken und Ideen. Als ich mit 19 auszog in die Welt und das MÄDCHEN hinter mir ließ, entstanden andere Ideen und die meiner Kindheit verwelkten.
3. Warst du ein eher leises oder eher lautes Kind?
Mir wurde von meiner Frau Mutter immer bescheinigt, ein stilles und unaufwändiges Kind gewesen zu sein. Ich bin mir selbst eigentlich von Beginn an die liebste Gesellschaft gewesen. Die Aufforderung, doch mit anderen zu spielen, weil irgendjemand zufällig im selben Alter war oder eben irgendein Kind, empfand ich als Zumutung. Ich hatte das Glück, in einem Dorf mit wenigen anderen Kindern und in einer Familie mit an mir eher uninteressierten, älteren Geschwistern aufzuwachsen. Alle waren hinreichend mit sich selbst beschäftigt,
Deshalb fiel es nicht so sehr auf, wenn ich mich absetzte und stundenlang in den Wiesen, Feldern und Wäldern verschwand. Später hatte ich einen spazierfreudigen Dackel an meiner Seite, der mich liebend gern begleitete. (Es gab vorher andere Dackel, die weniger gern liefen.) Auch das Lesen entdeckte ich früh als Möglichkeit, mich dem Familienleben zu entziehen, dessen spezielle Dynamik sich mir bis zuletzt nie erschloss.
4. Gab es etwas in deiner Kindheit, das du heute sehnsüchtig vermisst?
Zeit und Struktur. Ich erinnere mich, dass Tage und Wochen manchmal endlos erschienen und eine große Ruhe in allem war. Fernsehen war ganz wichtig in meiner Kindheit der 1970er/80er und vor allem auch in meiner Familie als das große Lagerfeuer, nahm aber wegen der eingeschränkten Sendezeiten zeitlich wenig Raum ein. Die Mahlzeiten gab es zu festgelegten Zeiten. Samstags heulte mittags um 12 die Sirene übers Dorf. Das alles gab den Takt vor. Es gab nur einen Ort, an dem die Zeit immer viel zu schnell verflog: im Reitstall, wo ich meine Eltern oft marterte, weil ich hier noch schnell was fegen musste oder da noch einen Huf auskratzen.
5. Welches Verhältnis hattest du als Kind zu Musik?
Meine Eltern liebten sehr vorbehaltlos Musik und daher war eigentlich immer Musik da. Eher Volkstümliches und Eingängiges. Meine Frau Mutter schaute sonntags die Operettensendung im Fernsehen. Wir saßen allesamt regelmäßig vor der ZDF Hitparade und Disco mit Ilja Richter. Weihnachten liefen die immer selben Platten: Nana Mouskouri, James Last, Heintje, die Fischerchöre.
Immer noch kann ich ziemlich viele Schlager der 1970er mitsingen. Den ersten trällerte ich als Dreijährige auf dem Wohnzimmerteppich beim Spielen: Theooo, wir fahr’n nach Klotsch! (Ich dachte an die Holzklotschen der Frau Antje, die so schön klapperten.) Ich weiß auch noch, dass ich auf der Schaukel gern lauthals Lieder aus der Mundorgel sang oder am Küchenfenster Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit?
Eine besonders schöne Erinnerung ist, dass meine Mutter nur mit mir mal in die Kinderoper zu Hänsel und Gretel fuhr. Manchmal denke ich, dass sie oft auch nicht recht weiterwusste mit diesem seltsamen Kind, das dermaßen aus der Art schlug.
In der Grundschule endete meine Begeisterung fürs Singen jäh, weil die Musiklehrerin fand, ich sänge zu tief für ein Mädchen und dass ich mal höher singen solle. Ab dem Punkt öffnete ich nur noch meinen Mund und tat so, als ob ich mitsänge. Was ich übrigens selbst lange nicht bemerkt habe. Ich war durch barsches und von mir als ungerecht empfundenes Verhalten leicht einzuschüchtern.
Mein Herr Vater hörte gern Glenn Miller und Blasmusik. Im Urlaub, wenn’s nach Bayern und später nach Kärnten ging, waren wir nicht zuletzt wegen der Musik auf allen Pfarr- und Feuerwehrfesten der Region. Meine Geschwister haben übrigens alle ein Instrument gespielt und waren in der örtlichen Big Band und Stadtkapelle aktiv. Schon seltsam, dass alle das Musik machen aufgegeben haben. Ich war genau einmal in der Musikschule. Etwas fassungslos saß ich vorm Glockenspiel und fand das Rumgeklimper unnötig. Ich wollte einfach nur zu den Pferden und nicht drinnen vor einem Instrument sitzen.
Irgendwann hatte ich einen Kassettenrekorder und nahm im Radio Lieder auf. Mich hat oft geärgert, wenn die Nummer 1 der Hitparade vorzeitig abgebrochen wurde. Ich mochte Peter Schillings Major Tom damals so gern und habe es nie geschafft, es ohne Nachrichten-Biep aufzunehmen. Mit 13 bekam ich eine Stereoanlage zum Geburtstag. Die erste Platte war eine Maxi-Single: Self Control von Jennifer Brannigan. Ich sollte mir eine Platte wünschen und mir fiel sonst einfach überhaupt kein einziger Name ein. Ich höre mir das Lied gerade nochmal an. Nun ja. Gibt sicher Schlimmeres. O-o-oh, o-o-oh.
Meine musikalische Sozialisation, die zu meinen heutigen Musikvorlieben führten, begann mit Ingo Schmolls Ragazzi und Rapido bei RTL, als sogenannte Alternative Music oder Indie in mein Leben trat. Und MTV. Welten öffneten sich! Was mir aus meiner Kindheit bis heute blieb: die Offenheit für alle Musikrichtungen und Neugier auf Neues.









