Es geht wieder zurück in Richtung Köln.
Allmählich. Wir haben beide keine Lust auf Gewaltritte, um in möglichst kurzer Zeit unter Verlust der kostbaren Urlaubserholung wieder zuhause zu sein. Zwischendurch hatte ich die Idee, die Rückreise über Paris zu planen. In den letzten Jahren hat sich dank der tollen Bürgermeisterin Anne Hidalgo (inzwischen Ex-Bürgermeisterin) so viel zugunsten einer menschenfreundlicheren Stadt getan hat. Auf dem Rad findet man in der Innenstadt inzwischen fahrbare Wege vor und Paris ist ergrünt. Das möchten wir gern erleben.
Doch nicht dieses Mal. Denn alle Verbindungen von Paris aus nach Köln haben für unsere Fahrräder keine Plätze mehr. Also müssen wir am besten irgendwie nach Brüssel kommen, von wo aus es unkomplizierter ist. Die Entscheidung fällt rasch.
Auf in die Wallonie, auf nach Mons!
Mich freut das und ein wenig nervös macht mich das auch. Denn ich habe Herrn Hoffmann so viel Begeistertes über Mons erzählt, dass ich mich vor seiner etwaigen Enttäuschung fürchte. Andererseits hat Mons so Vieles, von dem ich weiß, dass er das ebenso zu schätzen weiß wie ich, und mein Vertrauen in die Strahlkraft von Mons im Sommer ist so groß, dass ich diesen Plan ganz fabelhaft finde. Mangels Campingplatz beschließen wir, uns für zwei Nächte in feste Wände einzumieten.
Zunächst sagen wir Amiens Adieu. Wir bauen das Zelt ab, packen unseren Kram in die Radtaschen, nehmen ein letztes Getränk und ein Frühstück im Lieblingscafé und steigen im markanten Bahnhof von Amiens in den Zug.
Das Gleis, an dem man einsteigt, wird erst etwa eine Viertelstunde vor der Abfahrt angesagt. Gut, sowas erspart einem Gleiswechsel kurz vor Eintreffen des Zuges. Macht mich trotzdem nervös. Ich kundschafte die Aufzüge der verschiedenen Gleise aus. Da werden wir einzeln nacheinander fahren müssen, denn die Aufzüge sind nicht besonders groß. Und wo ist der Aufzug für Gleis 5 und 6? Schließlich wird’s ein Gleis, zu dem ein gut sichtbarer Aufzug hinunterführt. Es gibt noch eine etwas kuriose Sache mit einem anderen Passagier. Aber dann sind wir am richtigen Gleis.
Eine Regionalbahn bringt uns pünktlich und äußerst entspannt nach Lille. Die Räder reisen auch hier kostenlos mit. Sie stehen bequem an einer Wand, darüber ein großes Fach fürs Gepäck. Keine Klappsitze, von denen man Mitreisende verscheuchen muss. Kein Gehampel mit Hängevorrichtungen. Außerdem konnten wir die Räder durch die großen Türen der Bahn auf einer Ebene vom Bahnsteig in den Wagen schieben. So geht’s! Gleich gegenüber in meiner Blickrichtung ein interessant wirkender Mensch, der sein Buch las. Hach. Der Zugbegleiter kam irgendwann fröhlich durchgehopst und traf auf entsprechend gutgelaunte Fahrgäste.
Bahnfahren kann so schön sein!
In Lille wurden wir bereits erwartet.
Gute Freunde treten in Lille ihrerseits ihre Sommerreise an, mit Wanderschuh und Interrailticket. Sie machen Halt in Lille und nun treffen wir uns für ein gemeinsames Mittagessen. Das ausgespähte Lokal mit regionaler Küche liegt vom Bahnhof etwas entfernt und wir mäandern durch die verwinkelten Gassen und großzügigen Plätze der verblüffend schönen Stadt. In Lille passiert etwas! Schon die Grundsubstanz ist aufregend mit Gebäuden aus allen möglichen Epochen und vergangener Pracht. Zusätzlich liegt Entschlossenheit zum Wandel in der Luft und ihre Folgen sind bereits sichtbar. »Die Hauptstadt Flanderns verfolgt ehrgeizige Stadtentwicklungsprojekte, um die Lebensqualität zu modernisieren und gleichzeitig ihr außergewöhnliches architektonisches Erbe zu bewahren.«
Allzu oft gewinne ich in den vergangenen Jahren bei Reisen in die Nachbarländer den Eindruck, dass Deutschland sich in seinem Tun immer mehr isoliert und selbst abhängt. Wenn ich allein an Berlin und Bonn denke, nun ja, und an unsere derzeit abgetauchte Bundesregierung, wo haufenweise gute Entwicklungen abgewürgt und rückentwickelt werden, wird mir ganz flau vor Entsetzen. Lille, also. Eine Stadt, die wir ganz sicher noch mal in Ruhe bereisen werden. Mit der Bahn ist man von Köln aus in gut drei Stunden da.
Adieu, Lille!
Nach dem Mittagessen verabschieden wir uns von Wolfgang und Pascale und wünschen ihnen eine schöne Reise. Wir schwingen uns auf die Räder und suchen uns den Weg nach Tournai. Dort werden wir auf dem Campingplatz unser Zelt aufschlagen, am nächsten Tag einen Blick auf die Stadt werfen und weiterfahren nach Mons. Es ist immer noch sehr heiß. Aber der Radweg aus Lille heraus, über das legendäre Roubaix und weiter nach Tournai ist richtig schön zu fahren.
Auf der Suche nach kaltem Wasser
Der Campingplatz in Tournai indes ist nicht leicht zu finden, aber am Ende steht das Zelt und wir ein bisschen dumm da: ringsum keine Einkaufsmöglichkeiten. Es ist Sonntagabend. Der Campingplatz liegt eher außerhalb. Am Ende finden wir in einem ansonsten toten Einkaufscenter ein trostloses Kettenrestaurant, wo wir halbwegs okaye Fritten und kühle Getränke bekommen. In Frankreich und auch in der Wallonie beginnt das Wochenende in Supermärkten und Restaurants meist am Sonntagmittag. Am Sonntagvormittag sind zumindest die Supermärkte noch geöffnet. Viele Läden und Lokale machen dann erst frühestens am Dienstag wieder auf.
Ich hatte Herrn Hoffmann schon vorgewarnt, dass es in Tournai wie im benachbarten Nordfrankreich auch eine irrationale Neigung zu Autos gibt. Neben dem Campingplatz ist ein flacher Kreisverkehr. Nachts werden wir wach, weil ein irregeleiterter Jüngling sein hochmotorisiertes Auto um den Kreisverkehr quält und schleudern lässt. Runde um Runde um Runde. Irgendwann ist ihm wohl endlich schwindlig genug.
Am nächsten Tag packen wir unseren Kram wieder zusammen. Mir wird bewusst, dass das nun erstmal die letzte Nacht im Zelt war. Zwar freue ich mich darauf, auch mal wieder in einem Bett zu schlafen. Aber ich werde das Zeltleben vermissen.
Wir frühstücken in Tournai.
Aus oben genannten Gründen hat kaum etwas geöffnet und wir landen vor einer Bäckerei. Die Croissants sind gut, der Kaffee kommt aus dem Vollautomaten. Aber, hey, Kaffee. Wir spazieren durch die Stadt mit ihrem vollgeparkten großen Platz und stellen fest, dass die durch Sturm und Zeit schwer beschädigte Kathedrale saniert wird. Das ist eine gute Nachricht, bedeutet aber auch, dass wir nur einen kurzen Blick in die halb gesperrten Kirchenräume werfen können.
Mein Eindruck von Tournai bei meinem ersten Besuch fand ich auch diesmal bestätigt: diese Stadt bleibt unter ihren Möglichkeiten und es liegt etwas Trauriges auf ihr. Autos und Alkohol bestimmen das Bild. Die historische und kulturelle Seite von Tournai kommt nicht wirklich zur Geltung.
Es geht für uns weiter nach Mons.
Hinter Tournai kommen wir zu einer beeindruckenden Schleuse von der Schelde zum Canal Nimy-Blaton-Péronnes, wo gerade ein großes Binnenschiff geschleust wird. Das gucken wir uns an. Es gibt ohnehin in dieser Gegend einiges an Industriekultur zu gucken. Und die Wegränder sind gesäumt von artenreichen Wiesen- und Waldstücken. Gut für die Natur, wenn Gegend für den Menschen an Interesse verliert.
Erwähnte ich schon, wie heiß es abermals war?
Ich bin müde und habe die extrem ruckeligen Wege am Kanal entlang gar nicht so kaputt in Erinnerung. Wir müssen streckenweise sehr langsam fahren, um uns an den oft haarsträubend aufragenden Betonplatten nicht die Reifen kaputtzufahren. Aber die Sanierung läuft ganz offensichtlich: Kurz vor Mons stoßen wir auf eine Baustelle. Prompt gehen wir noch mangels Umleitungen eine Weile verloren und fahren orientierungslos auf einem Werkgelände herum. An einem Schiff entdecke ich einen Feuerwehrmann, der mir nett bestätigt, dass die Umleitung quasi nicht vorhanden sei und wir – er wedelt vage in eine Richtung – irgendwo da hinten rausfänden.
Es braucht eine Weile, bis wir wieder auf unserem Weg sind. Eine gewisse Resilienz muss man auf Radreisen mitbringen, denn bei Umleitungen wird so gut wie überall nur an den motorisierten Verkehr gedacht.
Wir erreichen Mons etwas erledigt und finden dankbar unseren Übernachtungsort, das Mons Dragon House. Ich kenne es bereits von einer früheren Reise nach Mons. Und wieder war es ein Glücksgriff. Wir wurden ausgesprochen nett von Mathias empfangen und bezogen unser prachtvolles Zimmer, la chambre Car d’Or, das dem güldenen Wagen nachempfunden ist, der bei der jährlichen Prozession mit den Gebeinen der Heiligen Waudru durch Mons gezogen wird. Das Mons Dragon House ist gut und ruhig gleich am Rande des lebendigen Stadtkerns gelegen. Wir fühlen uns wohl und willkommen. Es gibt eine Küche, die Gäste benutzen können – und einen geräumigen Kühlschrank!
Am Abend werden wir sehr gut bekocht in einem nah gelegenen Lokal. Wir haben Glück, noch einen Platz zu finden. Es sind lauter aufgerüschte junge Menschen unterwegs: Mathias erzählt uns später, dass das Trimester beendet ist und viele Studierenden ihre letzten Abende in Mons feiern, bevor es in ihre Heimatorte geht.
Wie schön ist es, wieder in Mons zu sein!
Quicklebendig, quirlig, ohne überlaufen zu sein, überall Street Art, historische Gebäude und gemütliche belgische Rumpeligkeit. Hier und da auch Verstörendes, allzu Grelles und urbanes Elend, das ist hier kein Disney-Film, sondern wir befinden uns in der Realität. Auch in Mons wird saniert und renoviert. Wir laufen durch die Stadt, steigen auf den Belfried mit dem weiten Blick über das Hennegau, besichtigen die Kirche, trinken Kaffee auf dem großen Platz (der nicht beparkt ist), essen Fritten und landen in der Kunstakademie. Auch in Mons ein guter Ort.
Bevor wir abreisen, essen wir in einem etwas zwielichtigen Lokal eine gute Tajine. Dann geht’s wirklich auf den Heimweg nach Köln. Im beeindruckenden neuen Bahnhof, wie Liège-Guillemins entworfen vom katalanischen Architekten Santiago Calatrava, landen wir geschmeidig mit unseren Rädern im neuen, geräumigen Aufzug zu unserem Gleis und im neuen Zug, wieder große Türen, wieder ebenerdig, wieder genügend Platz, es ist fantastisch.
Und von Mons habe ich wieder viele, viele Bilder machen müssen.
In Brüssel steigen wir um.
Also, vor allem erstmal aus. Denn wir haben uns ein bisschen Zeit eingeplant für eine erste Stippvisite in Brüssel. Obwohl die Stadt nicht weit entfernt ist von Köln, waren wir beide noch nie dort. In diesem Internet hatte ich gelesen, dass es ein Fahrradparkhaus geben soll. Die Suche danach gestaltet sich schwierig. Und als wir es dann außerhalb des Bahnhofsgebäudes gefunden habe, fehlt uns der Sesam öffne dich oder ein Sprich Freund und tritt ein. Ein Ticket brauche man. Das gäbe es am Ticketautomaten. Aha. Ich gehe wieder in den Bahnhof und suche einen Ticketautomaten. Ich wähle das Ticket für die Fahrradgarage – nein, nur mit Fahrkartenabonnement. Äh?
Man stelle sich vor, jemand wolle mit seinem Auto ins Parkhaus am Bahnhof und dann steht da: Nee, nur mit Bahncard 50? Oder mit Jahresticket der KVB? Ich kann mir das nicht vorstellen und wähle die Telefonnummer am Automaten. Tuuut. Tuuut. Tuuut. Da passiert nichts. Ich begebe mich auf die Suche nach einem Menschen, der mir helfen könnte.
Pustekuchen.
Das geht besser, Brüssel. Aber nicht nur Brüssel: Bei allen lobenswerten Verbesserungen von Radinfrastruktur wird oft vergessen, dass Menschen ihr Rad auch mal sicher unterbringen wollen, um ein Museum oder ein Restaurant zu besuchen, um Einkäufe zu erledigen oder sich eine Stadt anzusehen. Ich fände es schick, wenn sich die Tourismusbüros zuständig fühlten und informierten. Oder vielleicht sogar für Abstellmöglichkeiten sorgten, so lange es nichts anderes gibt.
Entnervt gehe ich zurück zu Arthur und den Rädern. Wir beschließen, mit den Rädern von Brüssel-Midi in die Innenstadt zu fahren. Schlussendlich war es sogar ganz gut, denn der Weg war doch weiter als erwartet. In Brüssel Rad zu fahren, funktioniert leidlich. Brüssel ist ziemlich vollgestopft mit Auto, Bussen und LKWs. Die Grundstimmung ist gereizt. Die Stadt ist außerdem überraschend hügelig. Gut, ein Stadtteil wie Mont des Arts hätte uns das verraten können. Menschen zu Fuß und auf dem Rad feuern uns begeistert an, wenn wir uns mit den ordentlich bepackten Rädern einen Anstieg hochstemmen.
Allez, allez!
Die Stadt ist nicht nur hügelig, sondern überraschend prunkvoll – und voll mit Menschen. Zumindest im zentralen Tourismus-Hotspot. Umgeben von Barockpracht und gefühlt Millionen von Touristen aus aller Welt, die Millionen von emporgereckten Regenschirmen und Fähnchen der Stadtführer*innen sind wir etwas erschlagen. In einem weniger frequentierten Laden bekommen wir Kaffee und äußerst gute Pralinen. Der Laden ist eine Chocolatérie. Eine gute. So mag ich Schokolade dann auch.
Klar ist aber auch, dass wir die drei Stunden bis zu unserer Weiterreise nicht im Rummel verbringen wollen. Schon gar nicht bei der Hitze. Nicht weit entfernt ist ein großer Park, der Warandepark oder Parc de Bruxelles, ein königlicher Park auf einem ehemaligen Jagdrevier. Darin zwei Biergärten mit Gastro. Und Schatten. Das alles lockt uns. Wir fädeln uns durch die Stadt und erreichen den ältesten Park von Brüssel, der zugleich der erste öffentliche Park war.
Und was für ein Park!
»Der Park wurde als neoklassizistischer Spazierweg konzipiert und ist als solcher erhalten geblieben: Breite Alleen, deren Geradlinigkeit durch Grasrabatten noch betont wird, ermöglichen weite Ausblicke und betonen die Struktur der verschiedenen Wege. Um diesen Spaziergang zu verschönern, wurde der Park mit Skulpturen geschmückt, deren Themen von der griechischen und römischen Mythologie inspiriert sind.« (Quelle, übersetzt mit DeepL.com)
Am Selbstbedienungsbüdchen einer der Biergärten versorgen wir uns mit Getränken und Speisen. Letzteres ist natürlich maximal okay, aber dafür teuer. Aber gleich zwei Gastronomien im städtischen Park mit ausreichend Sitzplätzen (und gepflegten Toiletten) ist schon ziemlich klasse. Ein guter Ort. Wir sitzen und widmen uns dem Essen und Trinken. Und Schauen. In direkter Umgebung des Parks sind das Parlament und andere Regierungsgebäude.
Es kreuzen aufwändig, elegant und stilvoll gekleidete Menschen in einer für diese Temperaturen ungewöhnlicher Frische. Sie atmen Geld und gefühlte Relevanz. Dazwischen entspannte Menschen in unterschiedlichen Aggregatzuständen, mit Tagesfreizeit oder in Mittagpause. Ich lümmele mich dann auf eine der vielen Bänke im Park und hüte die Räder. Herr Hoffmann besichtigt den Park.
Schließlich machen wir uns erholt auf Richtung Bahnhof.
Kurz wird es mangels eindeutiger Beschilderung knifflig. Aber wir erreichen den Bahnhof pünktlich und mit ausreichend Zeit, um unser Gleis zu finden und unseren ICE zu erwarten. Sehr angenehm: Auf dem Bahnsteig war eine Mitarbeiterin der Bahn und stand für Fragen bereit. Das kenne ich bisher nur von Thalys und Eurostar. Und so standen wir auch an der richtigen Stelle, um die Räder in unseren Wagen zu schieben. Alles pünktlich. Alles entspannt.
Keine zwei Stunden später steigen wir in Köln aus – und werden auf dem kurzen Weg ins Agnesviertel gleich angeranzt von Leuten, die auf der Fahrradstraße am Eigelstein rumlatschen, und ein wenig weiter komplett ungerechtfertigt an der Ampel.
Ach, herrlich, wieder zurück in Deutschland, ne.
Und innerlich noch die Stille vom Fahren entlang des Wassers …


Danke für Deine wunderbare Reisebeschreibung – ich habe soo gerne mitgelesen. Und mir den einen oder anderen Tipp notiert…
Danke fürs Mitnehmen!
Auf eine Fahrradreise werde ich den Mann nicht mehr bekommen, aber Mons ist schon mal vorgemerkt.