Wow.
Wir staunen über die Rotunde, die 1989 von Sol Lewitt bemalt worden ist, und betreten den ersten Raum im Musée de Picardie in Amiens. Der Große Salon erinnert daran, dass dieses Regionalmuseum einst eng mit der kaiserlichen Macht von Napoleon III. verbunden war. Eröffnet wurde es als Louvre für die Provinz 1867. Mit seinen 8.000 m² großem Besucherrundgang sowie den Maßnahmen zur Erhaltung und Präsentation der Kunstwerke war dieses Museum zu seiner Zeit einzigartig.
Groß, größer, großartig
Etwas in der Richtung hatte ich beim Heranlesen an unsere Reise auch schon aufgeschnappt, weshalb ich Lust auf einen Besuch hatte. Unser Kulturbeschluss am Anfang des Jahres besagte ohnehin, dass wir uns monatlich mindestens ein Kulturereignis vornehmen, ob Konzert, Theaterstück oder eben Museumsbesuch. Nun, bitte sehr. Ganz knapp haben wir die eintrittsfreien Tage im Museum verpasst. Zum Hitzeschutz in Frankreich gehört nämlich auch, dass kühle Orte wie die Museen für eine Pause von der Hitze kostenlos besucht werden können. Und auch wenn ein Museumscafé fehlt, finden sich in den großzügigen Räumen einladende Sitzgelegenheiten, auf denen man sich bei Bedarf auch hinlegen kann. Ein guter Ort.
Im imposanten Salon mit den gigantischen Historienschinken an den Wänden und einem sensationellen Oberlicht liegt dann auch eine junge Frau wie hingegossen auf einer der Sitzgelegenheiten, einen jungen Mann als Stütze. Ihr Kleid wirft vorbildliche Falten inmitten von großer Kunst. Also, große Kunst im Sinne von großformatig. Wir lustwandeln und finden’s großartig. Superlative sind hier kein Zierrat, sondern dringend vonnöten.
Neben Malerei sehen wir uns auch Skulpturen aus allen Epochen an. Das Museum ist nicht leer, aber angenehm entspannt besucht.
Wir sind ausgeruht, frei von Erwartungen und haben Zeit.
Beste Voraussetzungen für einen gelungenen Museumsbesuch. Vom Altertum bis zur Neuzeit findet sich alles. In der Präsentation von qualitativ zweifelhaften Werken neben herausragender Kunst gibt es eine Unerschrockenheit, die mich sofort entspannt. Am Ende werfen wir noch einen Blick auf die gestapelten Mumien und den setzregalartig vorgezeigten Sammelsurien der Vor- und Frühgeschichte im Untergeschoss. Zu dem Zeitpunkt sind die Augen längst satt und die Hirne weiches Gummi. Wir schlendern höflich etwas hindurch. Nun ja. Das haben wir also auch noch angeschaut.
Sammlungen, in denen man selbst zu sammeln beginnt.
Gut gelaunt und mit vielen neuen Fotos, Eindrücken und Geschichten verlassen wir dieses feine Museum und betreten die aufgeheizte Stadt. Keine drei Straßen weiter landen wir, wie schon erzählt, in der Pride-Parade durch Amiens. Es mag sein, dass es mein frisch verliebter Blick auf Amiens ist, aber ich sehe überall Kunst und Geschichte quer durch alle Epochen und natürlich auch aktuelle Straßenkunst.
Überm Markt vor der Markthalle wedeln Oktopusarme, die den ganzen Turm mit zum Leben erwecken. Es gibt Murals, große Wandgemälde, und Fotos an den Hauswänden zu entdecken. Ich freue mich über die figuralen Fensterladenhalter, den Echten Eibisch und die anderen Wildstauden in den öffentlichen Beeten und denke darüber nach, wie sehr die Mosaikkunst in der Street Art doch bereits kommerziell vereinnahmt ist.
Amiens tut gut.
Und leider gehen unsere Tage in der Stadt an der Somme zu Ende. Wir sitzen vorm Zelt und planen die Rückreise. Wir wussten bei Beginn unserer Reise noch nicht, wie lange wir unterwegs sein werden und wo genau. Es hätte auch sein können, dass das Radreisen mit meinem Diabetes so gar nicht funktioniert und wir früher hätten zurück reisen müssen. Das Wetter ist auch sehr viel ungewisser geworden, weshalb ich nirgendwo festsitzen möchte, nur weil irgendwas gebucht ist. Es ist ohnehin ganz schön, die Rückreise auch als Reise zu gestalten und hier und da noch einen Ort oder eine Gegend anzutippen. Dadurch haben wir schon viel entdeckt, was wir uns bei anderer Gelegenheit nochmal mit mehr Zeit angesehen haben.
Über verschiedene Apps, Kartendienste und Website hinweg suche ich uns Verbindungen raus. Wirklich leicht wird es einem nicht gemacht, wenn man Fahrräder mitnehmen möchte. Im Fernverkehr ist es ohnehin schwierig, kurzfristig noch etwas zu bekommen. Selbst wenn die Räder im TER kostenlos mitreisen: in manchen Zügen gibt es eine Reservierungspflicht. Die App der französischen Bahn allein genügt jedenfalls nicht, um gute Verbindungen ein Stück weiter Richtung Köln zu finden. Am Ende glückt es.
Wir entscheiden uns, von Amiens nach Lille zu fahren, von dort aus mit dem Rad über die Grenze in die Wallonie nach Tournai und dann weiter mit dem Rad nach Mons. Dort werden wir zwei Nächte sein, um dann mit der Bahn nach Brüssel zu fahren, von wo aus uns ein ICE nach Köln bringen wird.
So weit der Plan.
Was bisher geschah
Frankreich mit Rad und Zelt: der erste Urlaub mit Diabetes Typ 1
Sommerfrische in Nordfrankreich (1): Von Ostende nach Wissant
Sommerfrische in Nordfrankreich (2): Von Wissant nach Abbéville
Sommerfrische in Nordfrankreich (3): Von Abbeville nach Amiens
Sommerfrische in Nordfrankreich (4): Amiens
