42 Grad.
Bei solchen Temperaturen auf dem Rad zu sitzen, ist schon heftig. Aber zum Einen fahren wir an diesem Tag mit knapp 44 Kilometern wahrlich keine Etappe der Tour de France. Und zum Anderen haben wir alle Zeit der Welt, für genügend Süßkram gegen Unterzucker und gefüllte Wasserflaschen. Zwischendurch gibt es mal ein paar quälende Kilometer an einem geraden Kanalstück ohne Schatten, das macht keine Freude. Ansonsten pausieren wir oft in Schatteninseln und trinken möglichst viel.
Trotz aller Unbill durch die Hitze und die stechende Sonne ist das Radfahren durch diese Gegend an der Somme einfach wundervoll: die Flusslandschaft mit ihrer Vielfalt von Vögeln, Pflanzen und Insekten. Die Orte, durch die wir kommen, mit hübschen Kirchen und kleinen Schlössern, zwischendurch auch eine pittoreske Ruine. Die lebendige Stille abseits von vielbefahrenen Straßen. Als wir nach Long kommen, finden wir einen herrlichen Rastplatz unter schattigen Bäumen gleich neben einem friedlich dahinplätschernden Bachlauf vor. Zeit für eine ausgedehnte Pause mit Picknick.
Long habe ich mir auf der Karte fett markiert, auch weil wir am Camping municipal dort auf einen sehr freundlichen Platzmanager treffen. As wir dort Halt machen, um unsere Trinkflaschen aufzufüllen, kommen wir ins Gespräch. Er zeigt uns den Wasserhahn mit kühlem Wasser. Und es stellt sich heraus, dass dieser Campingplatz zu dem angepeilten in Amiens gehört. Hätten wir nicht schon in Amiens reserviert, wären wir womöglich gleich dort geblieben. Viel Wasser. Kalkfelsen. Viel Grün. Friedliche Atmosphäre. Schön.
Die Natur ringsum ist fantastisch.
Das ist ein Satz, so rasch dahingeschrieben und er deutet nur an, wie schön es in der Gegend dort ist. Ich möchte mich an die Landschaft heften wie ein Putzerfisch an eine Aquariumscheibe. Überall sehe ich Wildpflanzen, die auch in unserem Garten stehen. Auf ihnen und im, am und auf dem Wasser sind Vögel, Libellen und ganz unterschiedliche Insekten unterwegs. Weiter hinten sind alt wirkende Auwälder. All das tut so gut und ich wünsche mir inständig, dass wir als Menschheit den Wert dieser Natur begreifen – die natürlich auch Kulturlandschaft ist, die z. B. vor invasiven Neophyten und Verschmutzung durch Menschen geschützt werden muss.
Spektakulär oder besonders malerisch muss es für mich jedenfalls nicht sein, um ein inniges Glücksgefühl zu empfinden. Einfach leise durchs Grün rollern und nicht groß stören. Dann sieht man auch mehr, weil sich die Tiere nicht erschrecken.
Von Wasserloch zu Wasserloch
Es ist wirklich schade, dass es so entsetzlich heiß ist. Die hohen Temperaturen nehmen uns Tatkraft, Entscheidungsfreude und nicht zuletzt die Lust, irgendwo länger mal innezuhalten.
Aber so folgen wir einfach unserem gefassten Plan und sagen Long mit frisch gefüllten Wasserflaschen Adieu. Wir fahren weiter, immer an der Somme entlang. Pries ich schon die himmlische Stille? Außer uns ist kaum jemand unterwegs und die, die es sind, scheinen das beruflich zu müssen. Ein junger Landarbeiter (?) macht Rast am Ufer, halb schlafend und dabei (!) rauchend. Ein grimmig schwitzender Mensch kommt uns fast im Laufschritt entgegen. Ein gutes Stück weiter sehen wir vor einem Poller ein Auto stehen. Vielleicht ein Bauer, der nach einer Weide gucken muss?
Auf dem Rad hat man doch viel Platz für viele Gedanken. Meine formen sich mit Vorliebe zu Geschichten von all denen, die uns begegnen und deren wahre Geschichte ich niemals erfahren würde.
Immer stärker kreisen meine Gedanken allerdings um die Vorstellung eines Kaltgetränks. Ein Blick in die Karte macht Hoffnung auf einen guten Einkehrort, der auch geöffnet sein soll. Der Ort Picquigny trägt einen ulkigen Namen. Seit kurzem findet sich dort, gleich am Ufer der Somme, das Maison du Tourisme Nièvre & Somme.
Hallo, liebe Tourismusverbände, das hier ist das vermutlich Beste, was ich in Sachen Gastfreundschaft und Service am Reisenden bislang erlebte! Schon weithin lässt sich anhand der geöffneten Sonnenschirme auf der liebevoll gestalteten Dachterrasse und an den Fähnchen vorm Haus erkennen, dass jemand da ist. Hinterm Haus gibt es Fahrradabstellplätze, eine Dusche und öffentliche Toiletten, alles neu und tippi-toppi in Schuss.
Hinterm Haus stehen zwei schicke Cyclo-Lodges, die Radreisenden und Wandernden für eine Übernachtung zur Verfügung stehen. Offenbar kann man auch ein Elektroboot mieten. Eine Treppe hoch ist die richtig schöne Dachterrasse und die Tür zum Glück: kalte Getränke! Und ein ausgesprochen freundlicher Mensch vom Tourismusverband, der auch noch Deutsch spricht.
Neben, nun, recht speziell schmeckender lokaler Limo (Pfirsich für den Herrn, Veilchen für die Dame) füllen wir unsere Wasserflaschen auf und erhalten viele Tipps für Amiens samt Stadtplan. Ich mag es, mich so willkommen fühlen zu können. Das ist Labsal nach dem traurigen Abbeville. Mein Gefühl hier ist, dass es darum geht, Reisenden das anzubieten, was sie brauchen. Und ihnen nicht das anzubieten, was man selbst verkaufen will. Ich klinge begeistert? Ich bin’s. Frohgemut steigen wir wieder auf unsere Räder. Die lustige Limo gluckert in unseren Bäuchen.
Ich rülpse Veilchenduft.
Wir erreichen schon bald den recht großen städtischen Campingplatz in Amiens, der ein wenig außerhalb inmitten zweier Parks gelegen ist. Es gibt an der Rezeption auch kalte Getränke. Wir versäumen zwei Dinge: 1. uns gleich mit ausreichend kaltem Mineralwasser einzudecken und 2. einen Blick auf die Öffnungszeiten der Rezeption zu werfen. Wobei Letztere ohnehin hinfällig sein werden, denn es gibt gegen Abend einen medizinischen Notfall auf dem Campingplatz und der Rettungsdienst rückt an. Wir werden am Abend einen erfolglosen Ausflug zu einem deprimierenden Pizzalieferanten machen, wo es nur übersüße Softdrinks gibt. Das Wasser aus dem Kran tut’s dann eben auch.
Unser Zeltplatz ist unter hohen Bäumen am Ende des weitläufigen Campingplatzes. Gleich dahinter einer der Parks, der Parc du Petit Marais, mit einem See, der sich förmlich um den Campingplatz herumwindet. Alles herrlich wild und den Tieren überlassen. Auf dem See brüten in einem Totholzgesträuch Schwäne. Und aus dem Gebüsch und vom Wasser aus quakt und kiekst es. Die Merlin-Bird-App versagt hier übrigens völlig. Kein Wunder, denn die Wasservögel klingen, als säßen kleine Wichtel im Dickicht und betätigten hin und wieder Hundequietschspielzeuge. Ich fühle mich jedenfalls bestens unterhalten.
Neben uns auch Menschen mit zwei kleinen Zelten! Mutter und Tochter, wie sich herausstellen wird, die in der Gegend einige Tage Zeit miteinander verbringen. Ich freue mich doch immer sehr, wenn ich andere Zeltreisende sehe. Allzu selten ist das geworden, nachdem so viele durch die Pandemie aufs Wohnmobil umgestiegen sind. Zwar ist der Untergrund hubbelig und die fast schwarze, staubige Erde färbt unsere Füße kohlschwarz. Die Autobahn könnte gern weiter weg sein. Aber alles andere passt.
Nach Amiens!
Am anderen Tag fahren wir nach Amiens, über einen fabelhaften Radweg gleich mitten hinein in die Stadt. Doch was ist das? Herr Hoffmanns Rad macht ungewohnte Klappergeräusche: Eine Speiche am Hinterrad hat sich losgesagt. Ruckzuck hat sie sich auch schon verbogen. Wie gut, dass ihr das in Amiens einfiel! Wir finden rasche und nette Hilfe in der Vélo Station. Und während das Rad repariert wird, flanieren wir durch das schöne Amiens! Die Stadt wurde zwar auch stark beschädigt im Zweiten Weltkrieg, aber beim Aufbau ging man offenkundig klüger vor als etwa in Abbeville.
Die Kathedrale soll Vorbild für den Kölner Dom gewesen sein. Schade, dass wegen der Hitze keine Führungen stattfinden. Dass es wohl auch Audio-Guides gibt, lese ich leider erst zu spät. Die Kathedrale wird aber auch ohne Führung ausgiebig von uns besucht, innen wie außen. Wie an anderen Orten auch ging hier zwischendurch mal das Geld fürs Weiterbauen aus oder ein Teil brannte ab. Ich möchte gern mal die ganze Geschichte hören und muss wohl nochmal für eine Führung oder einen Gang mit Audio-Guide dorthin zurück.
Ah, denn ich liebe einfach so ziemlich alles an Amiens. Liegt vielleicht auch ein bisschen an der ziemlich guten Infrastruktur für Menschen mit Rad und zu Fuß. Mit dem Rad nutzt man, wo es keine separaten Wege gibt, die Busspuren. So lässt es sich entspannt überallhin fahren. Und dank der markanten hohen Kathedrale finden wir uns schnell zurecht. Die Stadt ist auch nicht übervoll, aber lebendig. Gleich gegenüber der Kathedrale finden wir ein schmuckes Café mit Außengastro. Ich entdecke Café Frappé für mich – stets auf der Suche nach nicht-süßen Kaltgetränken, die meinem Blutzucker nicht gleich einen Raketenstart verpassen.
Ich finde, dass es deutlich mehr kalte Getränke geben dürfte, die nicht gleich haufenweise Zucker enthalten. Da wünsche ich mir Sprudelwasser mit frischer Zitrone und Minze, Rosmarin oder Zitronenverbene darin auf der Karte. Sowas würde zu diesem Café gut passen, denn sie bieten hier bewusst nichts von Coca-Cola an, wegen deren Umgangs mit Trinkwasser in Frankreich.
Wir sind offen für Begeisterung und Genuss.
Beidem geben wir uns willig hin. Amiens erwischt uns genau zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns nach etwas gemütlicher Urbanität sehnen. Das ist eine Spezialität von Frankreich: relativ kleine Städte, die aber dennoch Großzügigkeit ausstrahlen mit Kultur, historischen Bauten, Lokalkolorit, Restaurants und Cafés, städtischem Grün, Geschäften und Wochenmarkt. Außerdem ist Amiens eine der französischen Städte, die nicht bis obenhin vollgeparkt sind. Das macht so viel aus.
Die Kathedrale, die Lokale, der Platz für Menschen. Dann entdecken wir auch, dass es eine Markthalle gibt, wo wir an zwei Tagen speisen werden. In der Markthalle gibt es nicht nur Stände mit Gemüse, Fleisch, Brot und Käse, sondern auch welche mit Speisen, die man sich an den Ständen kauft und sich dann an einen der langen Tische setzt. Ein wundervoller Ort. Ein klimatisierter Ort. Warum gibt es in Köln nicht eine solche Markthalle?
Mit dem Boot zu den Schwimmenden Gärten
Dann fahren wir an einem der Tage, die wir in Amiens verbringen, zu den Schwimmenden Gärten, den Hortillonnages d’Amiens. Vor einer Weile gab es eine Dokumentation bei Arte über die Baie de Somme, wo auch diese besonderen Gärten in der Somme gezeigt wurden. Man kann sich dort mit einem Boot hindurch schippern lassen. Das wollen wir, selbst wenn die Sonne ordentlich vom Himmel runterbrennt.
Letztlich war es eine schöne Dreiviertelstunde durch die schmalen Wasserwege, die zu den kleinen Inselgärten führen. Aber die Gärten waren nicht das, was ich mir davon versprochen hatte. Selten, dass Gemüse, Kräuter, vielfältige Staudenbeete oder Obstwiesen zu sehen sind. Es regiert die Heilige Einfalt der Gartencenter mit Mähroboter, Thuja, Kirschlorbeer, Coneaster, Geranien und Hortensien. Entsetzt starre ich auf die unzähligen Schmetterlingsflieder, die die Ufer übernehmen. Am schönsten sind die Bereiche, wo offenbar selten Menschen sind. Da gibt es herrliches Dickicht, mehr Artenvielfalt und prompt auch Wasservögel. Quasselnde Entenkinder paddeln zu unserem Entzücken neben dem Boot her. Überm Wasser sind Abertausende von Libellen unterwegs, was uns große Freude macht.
Die Führung findet auf Französisch statt, was uns ziemlich viele Informationen und Geschichten vorenthielt. Ich war mir nicht sicher, ob man fotografieren durfte. Da es sonst niemand tat und ich mich einfach dem Schauen hingeben wollte, ließ ich es.
Dass unser junger Bootsführer auch noch sehr allergiegeplagt herumschniefte, nagte zusätzlich an der nötigen Konzentration. Aber es gibt einen deutschsprachigen Flyer, auf dem wir ein wenig über die Geschichte dieser Gärten erfahren, die es bereits seit dem Mittelalter gibt. Heute lohnt es sich kaum mehr, Gemüse für den Vertrieb anzupflanzen. Der Aufwand ist hoch und die Tomaten aus den klimaschädlichen Betrieben in Spanien unschlagbar billig. Wie bekloppt das ist, dass klima-, natur- und menschenfeindlich angebaute Lebensmittel, die weite Transportwege haben und an denen verschiedene Zwischenhändler mitverdienen, am Ende billiger sind als die, die vor Ort von Menschen aus der Region angebaut werden, nur geringe Transportwege haben und direkt beim Erzeuger gekauft werden können. Da stimmt doch etwas grundlegend nicht. Den Preis für die billig produzierten Lebensmittel zahlen wir übrigens am Ende alle.
In der Markthalle sehen wir übrigens einen Stand, wo Erzeugnisse der wenigen verbliebenen Gemüsegärtner*innen in den Hortillonnages angeboten werden.
Ganz schön was los in Amiens!
Als wir durch die Stadt mäandern, landen wir unversehens im Marche des Fiertés, der Pride-Parade von Amiens. Ach, wie großartig! Sofort gute Laune. Einen Tag später wohnten wir dann noch dem Courir la Jules Verne bei, einem Stadtlauf. Wir sitzen im Lieblingscafé mit Blick auf die Kathedrale und vorüber trabende Menschen, die vom Straßenrand aus angefeuert werden.
Wir hingegen beschlossen, das Musée de Picardie zu besuchen.

Das war übrigens der Blick hinter unserem Zelt.
Was bisher geschah
Frankreich mit Rad und Zelt: der erste Urlaub mit Diabetes Typ 1
Sommerfrische in Nordfrankreich (1): Von Ostende nach Wissant
Sommerfrische in Nordfrankreich (2): Von Wissant nach Abbéville
Sommerfrische in Nordfrankreich (3): Von Abbeville nach Amiens
