Am Ende reisten wir früher zurück nach Hause.
Es war der Sommer 2023 und durch Frankreich ging eine Hitzewelle – oder „une canicule exceptionnelle“, wie der französische Wetterdienst es bezeichnete. Aber erstmal der Anfang.
Für diese Reise hatten wir uns anderes gewünscht. Wir hatten uns viel Zeit genommen: Über drei Wochen wollten wir unterwegs sein in die Gegenden und Orte, die wir sehr vermissten. Zum Mont Ventoux, vor allem. Vor der Corona-Pandemie waren wir regelmäßig dort in der Gegend. Nach fünf Jahren Frankreichpause sollte es für uns endlich wieder ins geliebte Reiseland gehen. Frankreich, wir kommen!
Diesmal ganz feudal
Wir bereisten Frankreich in einer soliden Handwerkerkarre. Es brauchte eine Weile, bis wir auf diese Lösung gekommen sind. Erstaunlicherweise gibt es zwar Kindersitze und solche Dachdinger für Gepäck, die man für Leihwagen mieten kann. Aber Vorrichtungen, um Fahrräder auf oder am Auto mitzunehmen, gibt es (noch?) nicht. In der Handwerkerkarre konnten wir problemlos unsere Fahrräder mitnehmen. Und unsere Kühltasche, ein Umstand, den wir auf dieser Reise sehr schätzen würden. Ein prächtiger Reisebasilikum wurde außerdem unser nützliches Haustier während der Reise.
Die Bahn schied diesmal aus.
Im Grunde halte ich die Kombination aus Rad und Bahn für eine der schönsten Reiseweisen überhaupt. Will man allerdings ein gut bepacktes Rad im Fernverkehr mitnehmen, wird’s kompliziert: Plätze in den Fernzügen sind rar und müssen Monate vorher gebucht werden – ohne Garantie, dass die Fahrt dann wirklich stattfindet. Und ohne Möglichkeit, sich kurzfristig umzuentscheiden. In Frankreich muss man außerdem in vielen Zügen die Räder auseinanderbauen und verpackt transportieren. Mit den Regionalzügen geht’s leichter, aber der Süden Frankreichs ist einfach weit, der Nahverkehr in den Gegenden, die wir ansteuerten, bescheiden.
Also dann, also Auto. Auf in den Süden.
Postpandemisches Camping
Viele Wege führen in unser Lieblingsreiseland. Diesmal fuhren wir über Colmar, tranken dort Kaffee, und steuerten Belfort an. Eine tolle Stadt mit einem Campingplatz, auf dem wir zuletzt 2020 auf unserer Radreise durch den Osten Frankreichs waren. Und Belfort ein guter Anfang für unsere Reise.
Überrascht stellten wir fest, dass die Preise ziemlich angezogen haben. Die Corona-Jahre haben einiges verändert, auch auf den Campingplätzen. Dass eine Weile nur Wohnmobile mit eigener Toilette gestattet waren, dass mit Fördermitteln Sanitäranlagen auf Hotelniveau gebracht wurden, dass Wohnmobile immer größer werden, dass Menschen nicht mehr gern ohne Plastikteppich unter den Füßen und Plane überm Kopf in der Natur sitzen – es mag viele Gründe geben, wie und warum sich Camping verändert hat. Überzeugte Zeltreisende, die den direkten Kontakt zur Natur schätzen und es mögen, eher minimalistisch unterwegs zu sein, sind seltener geworden.
In Belfort hatte außerdem der Betreiber gewechselt. War es früher mal ein (städtischer) Camping municipal, wenn ich mich richtig erinnere, gehört der Platz inzwischen einer Kette. Es gibt leider nicht wenige Städte, die ihre Campingplätze durch die Corona-Krise wegen des personellen Mehraufwands geschlossen oder in reine Wohnmobilparkplätze umgewandelt haben. Ein Jammer. Aber dennoch ist Frankreich ein großartiges Land für Menschen, die mit Zelt reisen. Und die Rad fahren wollen.
Essen wie Nick Cave in Frankreich
Manche Veränderungen in Belfort fand ich allerdings auch gut, wie etwa die auf dem ganzen Platz verteilten Kräuterhochbeete, an denen man sich bedienen konnte. Großartige Idee! An unserem ersten Abend auf Reisen planten wir allerdings, in die Stadt zu gehen, um dort etwas zu essen. Wir taten gut daran: Wir entdeckten ein thailändisches Restaurant mit ausgezeichneter Küche – und stellten fest, dass Nick Cave, seine Band und sein Konzertreiseteam hier mehrfach eingekehrt waren. Aus einem Grund, der mir inzwischen entfallen ist, waren sie in Belfort hängengeblieben. Nick Cave musste damals erst von Gästen erkannt werden, damit den Betreibern klar wurde, dass sie da jemand Berühmten bewirteten. Hihi.
Erwähnte ich mal, wie sehr ich Belfort mag?
Das Grün französischer Städte
Nach einer guten Nacht im Zelt ging es weiter in den Süden. In Bourg-en-Bresse legten wir eine Pause ein. Die Stadt nahm uns gleich für sich ein mit ihrer gelassenen Stimmung. Hier lässt sich wie schon in Colmar und Belfort gut erkennen, wie Frankreich seit einigen Jahren aktiv auf die Klimaveränderungen und die immer heißeren Sommer reagiert. 2003 starben in den zwei Wochen der damals dramatischen canicule etwa 15.000 Menschen allein in Frankreich durch die Hitze. Ein nationales Trauma. Das sollte sich nicht wiederholen. Die Städte etwa werden seitdem entsiegelt, begrünt, Parks und Gärten entstehen, Wasserstellen werden offengelegt oder eingerichtet, öffentliche Gebäude werden klimatisiert. Parkflächen entfallen, die Autos stehen auf Parkplätzen außerhalb. Dort stehen nun bepflanzte Hochbeete und Radwege sind angelegt.
Wie schön ist das, wenn die Innenstädte kein versiegelter Moloch mehr ist, wo man sich durch aufgeheizte parkende und fahrende Autos quetschen muss. Es ist mehr, wie durch einen luftigen Garten zu gehen: viele, insbesondere heimische Pflanzen, die karg und trocken stehen können, gesäumt von Staketenzäunen, Gehölze, eine Art Stadtwald entsteht. Dazwischen Brunnen und Sprinkelanlagen, wie kühlenden Wassernebel sprühen. (Über-)Lebensfreundlich und atmosphärisch ein Gewinn. Hier Bilder aus Bourg-en-Bresse, Colmar, Belfort und Clermont-Ferrand:
Das Eis von Bourg-en-Bresse
Auch hier war die große Markthalle leider an diesem Tag geschlossen. Aber uns interessierte vor allem ein kaltes Getränk. Warm war es. Es wurde dann ein Eis – und ich hatte den wahrhaft besten Eisbecher vor mir, den ich jemals gegessen habe. Das meist hausgemachte Eis in Frankreich war schon auf unserer Reise ins Périgord bemerkenswert. Ich habe lange Jahre behauptet, ich möge Eis nicht allzu sehr. Ich korrigiere mich: Ich mag schlecht gemachtes Eis nicht. Das andere schon.
Ein Ort in aller Ruhe
Das Fahren zog sich. Ursprünglich war das Vercors unser Tagesziel. Wir änderten unseren Plan. Nach einem Einkauf fürs Abendessen landeten wir auf einem abgelegenen Camping à la Ferme mit gerade mal sechs Stellplätzen und einer ausgesprochen netten Herbergsmutter. Der Campingplatz war ein großer Glücksfall. Bis heute denke ich, dass wir auch gut zwei, drei Tage dort hätten bleiben können. Eine wahrhaft himmlische Ruhe (keine Autos zu hören, keine Flugzeuge in der Luft), ein weiter Blick über die Felder und Wiesen und am Horizont die französischen Alpen. Ein allerliebst minimalistisches Häuschen mit Dusche, Toilette, Wasserstelle und Kühlschrank. Ein guter Ort für alle, die einfach nur naturnah und in aller Ruhe zelten wollen. Eine warme Empfehlung: Camping à la ferme de Bellevue nahe Châtonnay.
Die Sehnsucht nach dem Ankommen
Nach kurzer Beratung beim Frühstück war klar: keine Schleife über das Vercors. Wir fahren direkt nach Villes-sur-Auzon. Der kleine Ort in der Vaucluse mit seinem historischen Dorfkern mit seinen munter gluckernden Brunnen, dem Blick auf den Mont Ventoux, gelegen am Eingang der schönen Gorges de la Nesque. Außerdem mit Weinkooperative und einer für uns perfekten Infrastruktur – unser Urlaubszuhause. Herr Hoffmann stellte mir vor vielen Jahren den Camping municipal mit seinem schönen Baumbestand vor, als wir zum ersten Mal gemeinsam Urlaub in Südfrankreich machten. Alles an diesem Ort überzeugte mich sofort. Und wieder sollte er unser Ziel sein, gern auch für längere Zeit.
Das Herz klappte auf, als wir nach fünf Jahren endlich mal wieder den Mont Ventoux erspähten. Jedes Mal ein heiliger Moment, wenn dieser gigantische Berg auftaucht. Er liegt wie ein gestrandeter Wal in der Hochebene. Eine Art Schuttberg, dessen helles Kalkgestein auf der Spitze weithin leuchtet.
Alle unsere Daten sind auf dem Campingplatz noch vorhanden, der städtische Mitarbeiter vertraut, das Zelt ist in einer Viertelstunde aufgebaut und schon schlendern wir durch Villes-sur-Auzon: Gibt’s die Bäckerei noch, hat sich etwas verändert, wann hat der kleine Lebensmittelmarkt geöffnet? Ah, guck, die struppige, aber gute Fritérie gibt es wohl nicht mehr? Dann sitzen wir vorm Café du Soleil, als seien wir nie weggewesen.
Wir kaufen gekühlten Rosé und duftende Tomaten. Die Türkentäubchen rufen sich wie immer lautstark Komplimente über den Zeltplatz zu. Die Zikaden singen. Kein Wunder, warm genug ist es … Und es wird erst der Auftakt sein, denn in diesen Tagen beginnt sie, die nächste historische Hitzewelle.
Kann mal jemand mal den Fön abstellen?
Bei Temperaturen zwischen 38 und 43 Grad gab es kein Entrinnen. Die Sonne stach erbarmungslos vom Himmel. Die Luft glich einem Heißluftfön. Dass es im August in Südfrankreich sehr warm wird, kennen wir aus all den Jahren, in denen wir dorthin reisten. Das ging auch immer sehr gut. Die trockene Hitze gehörte dazu. Der Duft nach sonnendurchtränktem Kalkgestein und wildem Thymian. Langsame Tage. Manches T-Shirt stellten sich als zu warm heraus, die Füße ertrugen nur mehr Flipflops. Radfahren ging dennoch, dank Fahrtwind, viel Trinken, oft einkehren und Enthusiasmus angesichts der fantastischen Landschaft.
Aber die Hitze hat sich verändert. Wir vielleicht auch? Die Sonne brannte uns Löcher in die Schädeldecke, die Luft glich einem Heißluftfön, ich begann, mich regelrecht vor dem Sonnenschein wegzuducken. Die Klimakatastrophe kennt keine Ferien.
Ein Vulkanbeschluss wurde gefasst.
Vor einigen Jahren waren wir in der Auvergne und hatten sie in bester Erinnerung. Die Wetterkarte versprach etwas, nun ja, kühlere Temperaturen: 33 Grad statt 43 Grad am Tag und unter 20 Grad in der Nacht. Also Kurs nach Nordwesten. Über die Cevennen wollten wir über Clermont-Ferrand in die Auvergne reisen. Unweit von Nimes machten wir Halt an der beeindruckenden Pont du Gard. Wir hatten das römische Aquädukt fast (!) für uns, denn die meisten Menschen waren mit viel Juché und lustvollem Kreischen im und auf dem Wasser unterwegs.
Historische Bauwerke und Orte in Frankreich zeichnet meiner Ansicht nach aus, dass man bei Besuchen nicht überbeschützt wird und einfach Zeit dort verbringen kann, ohne unentwegt belehrt zu werden. So spazierten und kletterten wir eine Weile um das Aquädukt und am Ufer des Gard herum und waren einfach da.
Über einen kurzen Kaffeestopp in Uzès (Himmel, ist das schön dort!) erreichten wir die Cevennen.
Die Cevennen!
Es gibt ganz bizarre Erinnerungen an Tage in den Cevennen auf einer unserer ersten gemeinsamen Reisen nach Südfrankreich. Damals, in der Zeit vor Social Media und Wetter-Apps, beugten wir uns in einer Bar in Mazan über eine lokale Tageszeitung und studierten die Wetterkarte. Draußen war Weltuntergang mit Blitz und Donner. Aber über den Cevennen war lediglich eine leicht bewölkte Sonne zu sehen. In Sauve sahen wir einen Hinweis auf einen Camping á la ferme, der am Ende eines rumpeligen Feldwegs fern von allem und nah bei einem Gehöft lag. Dort zelteten wir unter Kiefern und Steineichen. Gleich gegenüber eine Holzhütte, vor dem jeden Tag ein schwermütiger Franzose saß, der leise Gitarre spielte. Es gab noch andere schräge Leute und Geschichten auf diesem Campingplatz. Nicht alle Geschichten leuchteten hell, im Gegenteil. Ich bedaure heute, nicht mehr notiert und keine Fotos zu haben. Es war die Zeit vor der Kamera in Mobilgeräten und eine richtige Kamera hatten wir offenbar nicht dabei.
Was ich dabei hatte: Krieg und Frieden von Tolstoi. Und dort las ich mit runden Augen, dass Napoleon einst durch den kleinen Ort im Sauerland zog, in dessen Nähe ich aufgewachsen bin. Kierspe in einem russischen Klassiker! Dä.
Und wieder in Liebe mit den Cevennen
Während der inzwischen professionalisierte Rennrad- und E-Bike-Tourismus am Mont Ventoux die Gegend dort verändert und mir etwas entfremdet hat, flammte die Liebe zu den rauen Cevennen gleich wieder auf. Wir standen auf einer Kuppe und blickten auf das karstige Zentralmassiv. Um uns herum himmlische Stille. Das Tagesziel sollte Anduze sein, wo es am Rand eines Wäldchens einen sympathisch wirkenden Campingplatz geben sollte.
Was für eine nette Stadt ist Anduze!
Und auch der entspannte Campingplatz mit seinen gutgelaunten Inhabern gefiel uns. Kurz nachdem wir unter hohen Bäumen unser Zelt aufgebaut hatten, kam der Zeltplatzhund vorbei und prüfte unsere Krabbelkompetenz. Bestanden! Wir durften bleiben. Wir entdeckten, dass wir den Ort über einen schönen Schleichweg zu Fuß oder mit dem Rad erreichen konnten. (Eine Bäckerei war zwar nah, aber zu Fuß oder mit dem Rad nur unter Lebensgefahr erreichbar – die Straße war von hohen Böschungen gesäumt und von vielen bretternden LKWs und Autos befahren. Nun ja. Wir haben überlebt.)
Wir beschlossen, einen Tag länger zu bleiben. Die Campingplatzinhaberin machte uns aufmerksam auf einen nahegelegenen Nachtmarkt in St. Jean du Gard. Da es tagsüber so heiß ist, fand so mancher Markt eben abends statt. Das war sehr schön. Es gab köstliche Galettes auf die Hand, örtliches Craftbeer und viel zu sehen. Ich fühlte mich schon beim ersten Besuch der Cevennen damals zwischen den eigenwilligen Menschen dort sofort wohl. Selbstbestimmung gilt hier als wertvoller als ein geordnetes bürgerliches Leben, so mein Eindruck.
Wiedersehen mit Saint-Hippolyte-du-Fort
Als wir vor vielen Jahren in Sauve waren, fuhren wir einmal mit den Rädern nach Saint-Hippolyte-du-Fort. Es war der Tag eines Festes. Wimpelketten hingen in den Straßen. Wir saßen bei einem Getränk vor einer Bar. Herrlich schräge Blasmusik näherte sich: ein Umzug. Alle Altersgruppen waren vertreten. Vorneweg tänzelte eine Gruppe von Mädchen in Tütüs, die Keulen schwangen. Dahinter weitere Fußgruppen und die Kapelle mit bärig wirkenden Männern. Wir beobachten das Geschehen mit fröhlicher Anteilnahme und bestellten ein weiteres Getränk. Eine Weile später näherte sich die Musik erneut. Aha, man kam also zurück. Aber alle waren anders gekleidet. Nun trugen die bärigen Männer der Kapelle Tütüs und sie hatten Melonen in ihre Trikots gesteckt. Über allem lag schräge gute Laune und Ausgelassenheit.
In dieses Saint-Hippolyte-du-Fort kehrten wir also zurück. Es war Markttag. Wir kauften Gemüse, schöne Stoffservietten, getöpferte Hühner für unsere Mütter und bunte Beschläge für unsere Schränke – letztere liegen allerdings immer noch in einer Schublade.
Und doch: es war zu heiß.
Zwischendurch baumelten wir abwechselnd in der Hängematte herum. Wir sehnten uns nach einem Ort, wo wir durchatmen und mit Freude Rad fahren oder wandern könnten. Noch ein Spaziergang und eine Pizza in Florac und dann waren wir auch schon fast in der Auvergne. In Murol fanden wir einen Campingplatz für uns. Es waren knapp über 30 Grad, da konnten wir doch tatsächlich ein etwas dickeres T-Shirt anziehen. Nachts kühlte es im Vergleich richtig ab, welche Wohltat. Na, hier könnten wir doch eine ganze Weile bleiben, oder? Am nächsten Tag machten wir eine fantastische Wanderung durch die atemberaubend schöne Vulkanlandschaft der Auvergne.

Einen Tag später hatte sie uns eingeholt: die Hitzewelle.
Schon waren es wieder 38 Grad. Trotzdem machten wir uns auf mit den Rädern, jeder für sich, denn Herr Hoffmann hatte Lust auf eine größere Runde. Mir war’s dafür schlicht zu warm und ich wählte eine kürzere Route.
Wenn man mit dem Rad unterwegs ist, kann man zwischendurch den herrlichen Fahrtwind genießen. Kommt man allerdings dann gut durchgeglüht zum Campingplatz, hilft eine Dusche nur kurzzeitig. Schweren Herzens packten wir abermals unsere Sachen. Womöglich war es im Burgund besser auszuhalten, weil es doch sehr viel nördlicher ist? Es wäre außerdem schon der halbe Weg nach Hause – insgeheim dachten wir unabhängig voneinander doch recht oft an unseren Garten …
- fbt
Viel Liebe für Clermont-Ferrand
An der Stadt mit der schwarzen Kathedrale fuhren wir natürlich nicht vorbei. Es gibt diese Städte, die einem gleich ins Herz springen. Diese Stadt mit ihren vielen Studierenden, Buchläden und Street Art gehört dazu. Clermont-Ferrand hat gerade mal rund 150.000 Einwohner. Aber ich staune regelmäßig über französische Städten, wie urban sie sind und zugleich von kultureller, kulinarischer und historischer Fülle. Und während öffentlicher Nahverkehr im ländlichen Raum Frankreichs durchaus problematisch ist: in den Städten sehe ich oft neue Mobilität, etwa elektrische Straßenbahnen oder autonom fahrende Kleinbusse. Auch in Clermont-Ferrand.
Zurück im Burgund
In Azé, dem kleinen Winzerort zwischen Tournus und Cluny, haben wir 2019 wundervolle Tage verbracht. (Auch noch unverbloggt, stelle ich gerade fest. Ts.) Das lag auch an dem feinen Campingplatz neben einer Grotte, der folgerichtig Camping Grottes d’Azé heißt. Das Inhaberpaar war nett und etwas hippiesk-strubbelig. Es gab eine formidable Weinbar, wo man gut und einfach speisen konnte und wo wir hingebungsvoll den wahrlich guten Wein aus der örtlichen Winzergenossenschaft genossen. Aber auch hier hatte die Coronazeit Veränderungen hinterlassen: die Betreiber haben gewechselt und nun geht es offenbar darum, mehr Gewinn zu erwirtschaften: mehr Glamping in Form von halbfest-installierten Mietzelten mit Holzveranden und die Weinbar war abgelöst von einem überdachten Außenrestaurant mit Convenienceküche und Weinen aus dem Großhandel. Hm.
Nach Wein war uns auch nicht sonderlich: Es war auch im Burgund unfassbar heiß. Die Hitzewelle kroch uns einfach hinterher. Schon waren es wieder über 40 Grad. Mit dem Rad unterwegs zu sein, war ein völlig abwegiger Gedanke. Wir drückten uns von Schatten zu Schatten und fühlten uns zunehmend abgewetzt.
Na sowas: Heimweh?
Wir machten einen Ausflug ins wunderschöne Tournus und schleppten uns bei fast 40 Grad durch die Gassen. An diesem Abend beschlossen wir, nach Hause zu fahren, in unsere hoffentlich etwas kühlere Wohnung und vor allem zu unserem Garten – der sich zu dem Zeitpunkt noch nicht wirklich wie unser Garten anfühlte. Wir hatten einfach so große Lust darauf, ihn näher kennenzulernen. Und wir hatten darin doch einiges zu tun.
Zum ersten Mal in meinem Leben verspürte ich ein Gefühl, über das ich bis dahin immer nur gelesen hatte: Heimweh.
Und so sagten wir Frankreich Lebwohl.
In Metz stellten wir ein letzten Mal am Ufer der Maas unser Zelt auf. Als wir 2020 auf unserer Radreise durch den Osten Frankreichs in Metz waren, waren in der Stadt die Restaurants geschlossen und wir genehmigten uns im Campingplatzrestaurant das vielleicht schlechteste Essen, das ich jemals in Frankreich gegessen hatte: versalzene Fritten und Beutelsalat auf Plastiktellern. Diesmal reservierten wir uns zwei Plätze in einem Restaurant und das war sehr gut. Metz ist eine wundervolle Stadt. Auch hier übrigens, wie in Clermont-Ferrand auch, sind richtige Gärten im Stadtkern entstanden. Ein wenig beklemmend war die deutliche Präsenz von Militär und Polizei. Kurz vorher gab es heftige Unruhen in Frankreich, nachdem ein 17-Jähriger bei einer Verkehrskontrolle in einem Pariser Vorort Ende Juni 2023 erschossen worden war.
Im Rückblick fragte ich mich manches Mal, ob wir vielleicht im Vorfeld hätten weiser entscheiden können?
Doch die Sehnsucht wog schwerer als die Nachricht, dass es eine Hitzewelle geben sollte. Ich denke, wir haben sie unterschätzt. Es war August und im August war es in Frankreich immer sehr warm. Damit konnten wir bis vor einigen Jahren gut umgehen. Ich war oft selbst überrascht, wie sehr ich Temperaturen von 30-35 Grad genießen konnte. Es war eine trockene Hitze und ich musste ja nichts, vor allem nichts denken. Aber über 40 Grad bei Nächten um die 25-30 Grad, das empfand ich als dauerhaft belastend. Ist man mit Zelt unterwegs, gibt es auch keine Ausweichmöglichkeit, keinen kühlen Ort. Der einzige kühle Ort war das Auto, in dem wir für unseren Geschmack viel zu viel Zeit verbracht haben.
Das betrübte mich. Es sollte eine besondere Reise für uns sein, denn kurz vorher hatten wir geheiratet. In mir waberten Erwartungen, Hoffnungen, Hirngespinste. Was wir beide nicht erwartet hatten: Am 1. Juni erhielten wir den Schlüssel zu unserem Kleingarten, dem wir uns seitdem voller Freude und Lust widmen – und in dem es bis September viele Arbeiten zu erledigen gab, an die unsere Übernahme gebunden war. Und erst als wir unterwegs waren, stellten wir unabhängig voneinander fest, dass ein Stück von uns offenbar im Garten geblieben war.
Der erste Weg nach unserer Rückkehr führte uns in den Garten.
Wie schön das war!
Und Frankreich? In diesem Jahr wieder. Zu einer anderen Zeit. Und mit einem schärferen Blick auf das geeignete Wetter, um mit Rad und Zelt unterwegs zu sein. Im Zweifel bleiben wir einfach im Garten, ne?! Aber das Frankreichweh ist stark …


Zack, Sehnsucht… Nein, nicht nach Hitze – nach Frankreich. Danke für den anschaulichen Bericht!