Nach und nach erobere ich mir zurück, was mir in den letzten vermutlich zwei Jahren alles verloren ging, als mein Immunsystem offenbar beschlossen hatte, meine Bauchspeicheldrüse umzubringen. Ich verspüre wieder Lust aufs Schreiben. Die war mir mit abnehmender Energie verloren gegangen. Nach und nach schaffte ich nur noch das Nötigste. Unschwer zu bemerken, dass sich das ändert.
Gestern war der 12. im August. Seit vielen Jahren hütet Draußen nur Kännchen das wunderbare Projekt #12von12, in denen regelmäßig rund 100 Menschen in ihren Blogs (und viele mehr in Social Media unterm Hashtag) ihren Alltag in zwölf Bildern dokumentieren.
Wohlan.
Das Frühstück ist im Prinzip schon durch, als ich auf den Gedanken kam, dass ich doch mal wieder bei #12von12 mitmachen könnte: Overnight Oats, Joghurt, selbst geröstete Saatenmischung, Skyr, Nüsse, heute ein halber Apfel (Wellant, noch Lagerapfel vom Markt). Vorab Insulin. Morgens brauche ich immer mehr als den restlichen Tag über. Da bekommt man mal einen Eindruck davon, dass mein Körper (wie viele andere auch) morgens eine Weile braucht, damit alles wieder fürs Tagleben parat ist.

Auch das junge Gemüse vorm Küchenfenster bekommt Frühstück.
Wasser für alle, auch in die Schale mit dem Wasser für Vögel und Insekten. Außerdem eine Ladung Sonnenblumenkerne ins Futterhäuschen, das von Rotkehlchen, Meisen und Ringeltauben angeflogen wird. Die Wespen bekommen die Schalen und abgeschnittenen Reste vom Apfel. Im Hinterhof blüht kaum was und Obstbäume gibt es auch nicht. Da sind die hübschen Gestreiften froh, wenn sie Obstreste ablutschen können.

Das Fenster verhänge ich nun.
Die Sonne krabbelt über den Dachfirst gegenüber. Ich benutze einen Bettüberzug. Irgendwann hatten wir mal Musselin für diesen Zweck. Er fiel offenbar einer Aufräumaktion zum Opfer. Vielleicht braucht es da eingedenk der regelmäßigeren Hitzewellen eine andere Lösung. So lange tut’s der Bettüberzug auch. Er bewirkt eine Menge und hält unsere Wohnung deutlich kühler. Wann wird es eine Rückkehr der Fensterläden geben?

Ich mache nach langer Zeit wieder einen Gang ins Heimbüro.
Anschließend setze mich an den Schreibtisch. Arbeitsdinge für den Buchladen und die Wallonie, aber auch Vertiefen von Erkenntnissen und Wissen aus der sechswöchigen Schulung in Sachen Diabetes Typ 1, an der ich derzeit in meiner Diabetologischen Praxis teilnehme.
Ich habe mir in den Monaten seit der Diagnose und Beginn der Insulintherapie im letzten Jahr viel angeeignet und angelesen. Aber es ist eine sehr komplexe Autoimmunerkrankung. Etwa 70 Faktoren beeinflussen den Blutzucker. Als Mensch von außen die Funktion eines Organs zu übernehmen, kann nur ungenügend sein, weil man nicht in das rasant schnelle Informationssystem innerhalb des Körpers eingebunden ist. Dennoch kann ich beim Timing und bei der Feinjustierung einiges lernen und vor allem Erfahrungen sammeln.
Jeder Körper funktioniert und reagiert etwas anders. Der Mensch ist keine Maschine, die wie ein Fahrzeug eingestellt wird und dann läuft es. Jeder Tag und jede Stunde bringen ihre eigenen Bedingungen mit. Nächste Woche kommen wir zum Thema Sport und Bewegung, das mich besonders interessiert.

Fiep. Fiiieeep. Fiiiiieeeeeeeeeep.
Wer auch immer unserer Waschmaschine diese Signale verpasst hat, mit denen sie vom vollbrachten Tagwerk berichtet: Nein. Denkt euch was anderes aus. Und im übrigen würde genau ein Mal Fiep genügen. Aber der Waschesel fiept beharrlich weiter. Bis man sich entweder erbarmt oder so lange aushält, bis er nach einer Weile aufgibt. Ich halte meistens aus, weil ich es hasse, auf ein Fiep hin zu springen. Es sei denn, ich schaffe es, vorm Fiep bereit zu stehen und den Waschesel bereits abzustellen, BEVOR er fiept. Irrational? Ist mir doch egal.
Dabei schätze ich den Waschesel. Wenn er dann die sauber duftende Wäsche gebiert, ist das immer ein Fest. Ich denke oft daran, wenn wir etwa auf einem Campingplatz mal mühsam Handwäsche machen. Wenn ich mir vorstelle, ich müsse das nach alter Mütter Sitte selbst mit Bettwäsche machen – dann doch lieber Fiep.

Zeit fürs Mittagessen.
Es sind Festwochen, weil es nun so viel gutes Gemüse gibt. Nicht nur aus Bad Kleingarten. Ich kam am Dienstag am Markt vorbei, wo ich vor einer Weile einen Gemüsestand entdeckt habe, die auch selbst anbauen. Bisher war dieser Markt für mich uninteressant, denn der große Gemüsestand kauft alles auf dem Großmarkt. Das macht es nicht nur teuer, sondern die Qualität finde ich im Verhältnis eher mäßig. Und unter welchen Umständen alles angebaut und wie weit transportiert wurde, erkenne ich auch nicht. Aber dieser kleine Erzeugerstand ist super. Klar, sie verkaufen auch Zugekauftes. Ich lasse mir aber immer zeigen, was sie gerade selbst frisch geerntet haben und was sie selbst empfehlen. Diesmal also einen gelben Blumenkohl, zwei Salatgurken (unsere Ernte ist in diesem trockenen Jahr schmal) und ein paar San-Marzano-Tomaten, von denen ich Samen nehmen werde fürs nächste Jahr.
Ein großes Stück vom Blumenkohl schneide ich in dünne Scheiben, ebenso eine Möhre aus unserem Garten, sowie eine San Marzano und ein paar Pilze, die ich noch habe. Alles ab in die Pfanne, dann ein Stück Butter, gewürzt Kreuzkümmel, Pul biber, Salz und Pfeffer, Schärfe dank Chili, auch aus eigener Ernte. Dazu dann Joghurt und ein paar Spritzer Zitrone. Schmeckt am besten nicht mehr ganz heiß. Perfekt wären noch Linsen und Fladenbrot dazu gewesen. Aber beides habe ich nicht parat. Dafür etwas von der selbst gerösteten Saatenmischung.

Kein #12von12 ohne Spülesel.
Auch so eine fabelhafte Erfindung, wenn auch nicht ganz so unverzichtbar wie eine Waschmaschine. Das Zusammenleben vereinfacht sie indes enorm. Seitdem ich Overnight Oats zum Frühstück und oft mittags sowas wie Bowls esse, finden sich viele verschiedene Schüsseln in der Spülmaschine.

Kleine Pause.
Und dann schiebe ich ab zum Buchladen. Im Park starre ich auf die Steppe, die einstmals eine Wiese war. Ein Trauerspiel. Auch viele Bäume sind in einem schlechten Zustand. Und Regen ist nach wie vor nicht in Sicht.

Es ist ein Hagebuttenjahr.
Nicht nur bei uns in Bad Kleingarten sehe ich die Wildrosenbüsche voller Hagebutten hängen. Gut so. Bei dieser Trockenheit werden die Vögel sie gut gebrauchen können, wenn schon die Brombeeren an den Sträuchern verdorren. Und es sieht natürlich ausgesprochen hübsch aus, wie die Butten so rot in den immer noch grünen Wildrosen leuchten.

Jippie!
Im Buchladen freue ich mich: Ein Lieblingsbuch, Flusslinien von Katharina Hagena, ist im Taschenbuch erschienen. Und es gibt ein neues Buch einer Lieblingsautorin, Jacqueline Kornmüller. Von ihr mochte ich zuletzt 6 aus 49 sehr, das ich deshalb gelesen habe, weil ich Das Haus verlassen so fantastisch fand. Es gibt Autor*innen, die dürfen mir alles erzählen. Und selten bin ich enttäuscht. Die Frau im Schrank werde ich natürlich sofort lesen. Und Flusslinien womöglich gleich auch nochmal. Ich habe ja sonst nichts zu lesen.

Und dann ist schon Feierabend.
Das war eine intensive Schicht im Buchladen. Eine Lieblingskundin war da, mit der ich auch leserisch auf einer Wellenlänge bin. Ein Gesicht aus alten Zeiten plöppte auf, nun frisch in den Kölner Norden gezogen. Ein nettes Paar gab sich als ebenfalls frisch hinzugezogen zu erkennen, auf der Suche nach einer neuen Stammbuchhandlung. Na, um den Posten bewerben wir uns doch gern! Und dann gab es schöne Suchen nach passender Urlaubslektüre und Mitbringseln. Immer toll, wenn dann jemand mit einem Buch oder gar einem Stapel Bücher abzieht und froh wirkt.
Vom klimatisierten Buchladen (einer der kühlen Orte in Nippes und in Köln) trete ich in die Abendhitze. Wieder sind es über 30 Grad. Bis 38 Grad heiß wird es in diesen Tagen wieder. Unfassbar. An diesem Tag eilt alles zur Sonnenfinsternis. Ich begebe mich nach Hause und freue mich auf …

Ein erfrischendes Glas Sprudelwasser!
Herrlich. Was für eine Wonne. Wasser ist Leben. Ich brauche keine zuckersüßen Limos und bei diesen Temperaturen auch nichts mit Alkohol. Frisches, klares, leicht gekühltes Wasser ist Genuss genug. Und inmitten dieser furchterregenden Dürre empfinde ich jeden Schluck Wasser als ungeheuren Luxus.
Apropos Wasser. Ich suchte in diesem Internet nach Informationen zum Wasserstatus in unserer Stadt. Noch laufen etwa die städtischen Brunnen und wir können ohne Einschränkungen unsere Gärten und die Bäume gießen. Irgendwo schnappte ich auf, dass Köln im Vergleich etwa zu München bessere Bedingungen in Sachen Wasser hat. Bei meiner Suche fand ich diese interessante Karte, die Auskunft über bundesweite Grundwasserstände gibt. Finde ich sehr interessant. Sorge macht, wenn man die Kästchen der Kurzvorhersagen anklickt. Die aktuellen Daten sind von Anfang Juli, wo für Köln alles noch gut aussieht. Das ändert sich im August und im September.
Und damit zum Wetter.
Da kein Regen in Sicht ist, erwarte ich, dass sich vermutlich auch für uns in Köln über kurz oder lang etwas ändern wird.
