Weiß ich, was ich hier tue?
Als ich mir diese Frage stellte, saß ich am Fuß einer Steinbrücke kurz vor einem Örtchen zwischen Dunkerque und Calais. Ich war nassgeschwitzt, fahrig, zittrig. Mein Blutzuckerwert fiel wie ein Stein. Ich hatte mich verschätzt. Das Radfahren wirkte sich stärker auf den Blutzucker aus, als ich erwartet hatte. Und als ich mir noch auf dem Rad bei einem Wert von 116 einen Fruchtriegel und dann Traubenzucker in den Mund schob, wirkten die bereits zu spät. Der Wert purzelte zügig auf 95, 78, 62, 55, 40.
Ab einem Wert von unter 70 spricht man von einer Unterzuckerung. Mein Glukosesensor schlägt Alarm, wenn mein Blutzucker zu tief ist oder zu schnell fällt. Aber bei körperlicher Anstrengung rechtzeitig zu reagieren oder der Talfahrt vorzubeugen, braucht Erfahrung, die ich erst sammeln muss.

In solchen Momenten gilt es, nicht panisch zu werden. Und möglichst nicht wahllos alles zu essen, was gerade in Reichweite ist. Es braucht etwa 10-15 Minuten, bis die zugeführte Glukose da ankommt, wo sie wirkt. Isst man zu viel, folgt im Anschluss der Überzucker. Spritzt man dagegen Insulin, das wiederum eine Weile benötigt, um zu wirken, landet man ruckzuck wieder im Unterzucker. Die berühmte Blutzuckerachterbahn! Vernunft und Gelassenheit sind also gefragt. Ich schaffe es inzwischen meistens, darauf zu vertrauen, dass alles, was ich esse, sich nach einer Weile auf den Blutzucker auswirkt. Ich esse etwas Zuckerhaltiges und warte. Leichter gesagt als getan: Der Körper ist in diesem Moment im Überlebensmodus.
Mit Denken läuft da nicht mehr viel.
Urlaub! Endlich! Eine Pause hatte ich mir erhofft. Entspannung. Erholung. Ich wollte Luft holen nach diesen ersten Monaten mit meinem neuen Leben mit Diabetes Typ 1. Nun, wir haben eine schöne Reise in den Norden von Frankreich gemacht. Von der Reise erzähle ich bei anderer Gelegenheit, denn ich halte für mich erstmal fest, wie das Unterwegssein mit Diabetes war.
Kurz der Hintergrund: Aus unerfindlichen Gründen hatte meine Bauchspeicheldrüse ihren Dienst eingestellt. Nachdem es mir mindestens anderthalb Jahre lang zunehmend schlechter gegangen war, landete ich Ende August 2025 in der Notaufnahme – völlig dehydriert und körperlich wie moralisch am Ende. Seitdem übernehme ich mithilfe von Insulin die Aufgabe eines Organs, was mich aufgrund der Komplexität mit tiefem Respekt vor dem fein abgestimmten Miteinander im Körper erfüllt. Darüber schrieb ich hier im Blog diese Serie.
Geschätzt 70 Faktoren beeinflussen den Blutzucker. Erinnert ihr euch an dieses Kindergeburtstagsspiel, bei dem man mit dicken Fäustlingen Messer und Gabel hielt und schnellstmöglich eine kleine Tafel Schokolade öffnen sollte? Auf dem Kopf eine dicke Strickmütze und eingewickelt in einen monströsen Schal, die Brille beschlug, während man im viel zu warmen Zimmer auf dem Boden kauerte und ringsum wurde gewürfelt, bis eine Sechs fiel und sich alles änderte …
So in etwa fühlt sich das an, nur, dass man mit sich selbst spielt und das ums Leben. Jeden Tag, Jede Stunde. Nachts. Es gibt keine Pause. Aber als Belohnung winkt doch Schokolade? Da klappt im Kopf der Rechner auf: Menge, Kohlenhydrate, Fett, Protein, Tageszeit, Bewegung vorher/nachher, Verfassung, Stress, habe ich davor schon was gegessen, wann, wie viel, esse ich etwas danach, wann, wie viel, wie viel Abstand brauche ich zwischen Spritzen und Essen, wie viel Insulin spritze ich?
All diese und viele weitere Fragen reisten also mit.
Das Reisegepäck war ohnehin umfangreicher als auf vergangenen Reisen. Nun hatte ich auch Radtaschen vorn am Rad, denn der Diabetes verlangt nicht nur innerlich Platz:
- Insulin,
- Ersatz-Insulin,
- Frio-Kühltaschen,
- Nadeln für den Insulin-Pen,
- Glukosesensoren,
- Ersatzsensoren,
- Desinfektionsmittel,
- Blutzuckermessgerät mit Teststreifen und Stechhilfen,
- Urinteststreifen für die Messung von Ketonen.
Da kommt einiges zusammen. Meinen Sensor muss ich alle zehn Tage wechseln. Ich folgte Empfehlungen und nahm die doppelte Menge mit, um bei Ausfällen gewappnet zu sein. Das war gut: Ein Sensor etwa ist mir bei der Hitze nach dem Duschen vorzeitig vom Arm gefallen. Und selbst wenn ich Pen-Nadeln nicht für jeden Spritzvorgang wechsele, splitte ich mein Insulin inzwischen oft, um auch die langsameren Blutzuckerspitzen durch Fette und Proteine besser abzufangen. Zwischenmahlzeiten nicht zu vergessen. Da hole ich den Insulin-Pen schon mal an die 6-10 Mal am Tag raus. Und abends spritze ich mein Langzeitinsulin, dass meinem Körper eine Grundversorgung über fast 24 Stunden gibt.
Ja, warum hast du nicht längst eine Pumpe?
Dann ist doch alles geritzt und es läuft von alleine? So ist die Vorstellung, das bekomme ich oft mit. Habe ich vor dem Diabetes auch gedacht. Von alleine läuft da auch nicht alles, aber darüber weiß ich zu wenig, um das kompetent berichten zu können. Für mich ist es in diesem ersten Jahr wichtig, alles zu Fuß zu verstehen und mich dann zu entscheiden, ob und wann ich eine Insulinpumpe nützlich finde. Ich weiß auch von Menschen, für die das Spritzen mit Insulin-Pens besser funktioniert.
Apropos Insulin-Pens: Insulin sollte kühl und dunkel gelagert werden. Auch die Sensoren mögen das. Im Innern der Radtaschen ist es zwar schön dunkel, aber angesichts der Hitzewelle und der Erfahrungen bei vergleichbaren Temperaturen in anderen Jahren, brauchte es andere Ideen. Die Frio-Taschen nutzen das Verdunstungsprinzip, um stromlos zu kühlen. Wir finden’s ganz lustig, dass wir mit diesem Prinzip früher oft die Bierflaschen neben dem Zelt gekühlt haben: Handtücher nass machen, in die Sonne legen und nach der Wanderung oder der Radtour das kühle Bier ernten.
Aus der Diabetes-Community erhielt ich noch drei gute Tipps:
- eine kleine Schaufel mitnehmen, um bei Bedarf eine kühlendes Loch in der Erde zu buddeln,
- Schattenplätze unter Hecken oder Sträuchern suchen oder
- auf den Campingplätzen fragen, ob dort das Insulin an einem kühlen Ort gelagert werden kann.
Nicht selten haben französische Campingplätze Gemeinschaftskühlschränke, die sich nutzen lassen. Hier musste ich allerdings regelmäßig prüfen, dass niemand die Temperatur hochregelte. Denn auch gefrieren darf Insulin nicht. Dann wird es sofort unwirksam. (Hotel-Kühlschränke gelten deshalb als tabu, weil die oft viel zu kalt gestellt sind.) Bei Temperaturen um die 40 Grad war es dann eine Erleichterung, das Insulin sicher und kühl zu wissen.
Entspann‘ dich doch mal!
Als bewährte Helfer packte ich eine ordentliche Ladung Traubenzucker, Obst-Quetschies, Fruchtriegel, Mandelriegel und Müsliriegel ein. Klar, zuckerhaltigen Kram gibt’s im kulinarischen Himmel Frankreich auch zur Genüge, aber bei all den Unwägbarkeiten dieser ersten Reise war es beruhigend, dass ich wusste, was wie und wann funktioniert. Auf vertraute Hypo-Helfer zurückzugreifen, war gut für die Nerven. Und damit für den Blutzucker.
Wie sehr sich nämlich jede Form von Stress auf den Blutzucker auswirkt, konnte ich auf unserer Reise hinreichend erleben. Ich bin ohnehin sehr gut in der Lage, mir selbst Druck zu machen. Ob freudige Aufregung oder unguter Druck: Stresshormone boxen im Körper alle anderen Hormone beiseite. Also auch Insulin. Und so konnte ich in gewissen Momenten dem Blutzucker auf seinem Weg zu den Sternen, ins Licht beobachten, wenn es etwa ums Klarmachen eines Campingplatzes oder das Buchen von Bahntickets für die Weiter- und Heimreise ging. Ich werde also bei zwei Dingen ansetzen wollen: Stress vermeiden. Und eine gesündere Haltung zu unvermeidbarem Stress zu finden.
Man sagt nicht ohne Grund, dass Atmen eine wirklich gute Sache sei. Ulkigerweise fiel es mir in Gegenwart von Pferden immer leichter, Stress wegzuatmen – damit das Pferd sich nicht aufregt, weil es gestresste Menschen umgehend als Zeichen deutet, dass es gefährlich wird.
Ich brauche also ein inneres Pferd zur Stütze.
Will ich vielleicht zu viel auf einmal?
Diese Frage flog mir in der ersten Woche regelmäßig durch die Gedanken. Als ich Anfang letzten Jahren die Gebärmutterentfernung wegen des fetten Myoms hatte, schränkte mich das körperlich doch sehr ein, ohne dass ich diesem Eingriff den Raum gegeben hätte, den er, nee, den ich gebraucht hätte. Schnell wieder in Arbeit kommen, schnell wieder in Bewegung kommen, daran lag mir. Wieder normal sein, was auch immer das heißen soll. Schon eine ganze Weile davor hatte ich das abermals wachsenden Myom verantwortlich gemacht für Unwohlsein und mangelnde körperliche Belastbarkeit.
Dass ich etwa das Reiten und die Pferde überhaupt nicht vermisst habe, sondern eher Erleichterung verspürte aufgrund der fehlenden körperlichen Beanspruchung, hätte mir zu denken geben sollen. Vordergründig hatte ich es aufgegeben, weil ich immer weniger mit den wenig pferdegerechten Bedingungen im Reitstall klar kam. Aber was war da los?
Womöglich schwächelte da bereits die Bauchspeicheldrüse und es mangelte schlicht an Energie. Energie, die ich nun wieder in mir spüre.
Sechs Tage Stehen, sechs Wochen Aufbau. Sechs Wochen Stehen, sechs Monate Aufbau. So ist und war die Faustregel mit den Pferden, wenn sie sich verletzt hatten oder krank waren. Wie lange ich schon innerlich außer Betrieb ging, kann ich nicht mehr rekonstruieren. Nun regenerierte sich mein Körper, die Muskeln kehren zurück. Ich fühle Stärke, wo ich vorher ein nasser Waschlappen war. Aber letztlich ging ich untrainiert auf eine Radreise mit einigen Kilo Gepäck in eine Gegend, in der Gegenwind und Hügel zu erwarten waren, und mit einer Hitzewelle im Anmarsch. Bekloppt. Aber trotzdem gut.
Was alles gut war:
- das wundervolle Gefühl, mit Herrn Hoffmann und den Abenteuerfahrrädern unterwegs zu sein
- das Meer zu sehen, durch schönen Landschaften zu rollen und durch wunderbare Orte zu schlendern,
- mal wieder zu zelten, über uns der Himmel und unter den Füßen das Gras,
- mit Rad und Gepäck die Hügel hochzukommen und weite Blicke zu haben,
- Eis und Fritten zu essen, sogar mal Pasta, ohne anschließende Blutzuckerkirmes,
- funktionierende Bahnverbindungen mitsamt Rädern zu erleben.
Was richtig gut war:
Wir haben Lösungen gefunden, nachdem die erste Woche doch mitunter haarsträubend war. Nicht nur durch den erwähnten Unterzucker, sondern auch durch schlaflose Nächte mit Blutzuckeralarm, so oder so, und Überzuckerung mit Werten über 300. Gnah. Es war eben zu viel anders: viel Bewegung, andere Ernährung, andere Tagesstruktur. Und schon kam es zu anstrengenden Turbulenzen. Anstrengend nicht nur für mich, denn das wirkte sich selbstredend auch auf Herrn Hoffmann aus.
Also haben wir Dinge geändert: Ruhe reinbringen. Mehr Pausen machen. Mittags und nicht mehr abends richtig essen. Gekochte Eier, Joghurt und Skyr wirken sich stabilisierend auf meinen Blutzucker aus, daher waren die nun immer dabei. Morgens etwa gab’s für mich zum Croissant Joghurt und ein Ei. Ich habe auf dem Rad besser und rascher auf sinkende Blutzuckerwerte reagiert. Losgefahren bin ich möglichst in den steigenden Blutzucker und/oder mit höheren Werten.
Eine große Hilfe war die Smartwatch (OnePlus Watch 3), die wir mithilfe der App GlucoDataHandler mit meiner Sensor-App verbunden haben. Ein rascher Blick aufs Handgelenk zeigt mir nicht nur den aktuellen Gewebezuckerwert, sondern auch, ob und wie stark er steigt oder fällt.
In der zweiten Woche lief alles schon erheblich geschmeidiger.
Unterzucker konnte ich oft rechtzeitig abfangen oder ganz vermeiden. Überzucker war dann doch immer mal punktuell problematisch, aber gerade bei Essen, das man nicht selbst kocht, ist es manchmal schwierig, die passende Menge Insulin zu schätzen. Oder ich habe eben nicht auf den Wirkungsbeginn des Insulins gewartet, weil beispielsweise das Eis in meiner Hand bereits schmolz. Ode es gab diesen einen Stressmoment, der sich am Insulin vorbeiboxte. Ey, Körper, mach‘ mal nicht solch eine Welle, ne.
Insgeheim fragte ich mich einige Male, was wohl meine geschätzte Diabetologin zu meinen Abenteuern meinen würde. Inzwischen weiß ich es: Sie findet es gut. Nicht die wilde erste Woche, aber dass ich das alles lösen konnte, vieles davon mit Unterstützung durch Herrn Hoffmann, findet sie dufte. Die Werte sind immer noch prima, daran ändern auch die Ausreißer nichts.
Nun ist die erste Reise nach meiner Diagnose und mit meinem Diabetes Typ 1 vorbei. Eigentlich ist es schon mindestens die zweite, denn als wir im vergangenen Sommer in der Wallonie unterwegs waren, spürte ich zwar, dass ich nicht mehr dieselbe bin. Aber nun weiß ich, warum. Und vergleiche ich mein heutiges Befinden mit dem der letzten Jahre, denke ich, dass da schon länger etwas im Busch war.
Aus dem Urlaub zurück kam ich mit einigen Erkenntnissen und Beschlüssen. Ich hatte zwar bisher das Gefühl, die Erkrankung akzeptiert zu haben. Was sie BEDEUTET, wird mir allerdings eher in Schüben klar. Ich werde manches schlicht nicht mehr machen können und wollen. Sie haben eine sehr schwere Erkrankung, rief mir meine Diabetesberaterin in Erinnerung. Vielleicht hilft mir auch die sechswöchige Schulung, die im Rahmen des Disease-Management-Programm verpflichtend ist, meinen Diabetes so ernst zu nehmen, wie es angemessen ist.
Sätze von Nicht-Erkrankten wie ein munteres Ach, damit kann man doch heutzutage gut leben, helfen nicht dabei. Denn dass man damit gut (über)leben kann, erfordert einen konzentrierten Kraftakt und die Unterstützung vieler.
Das Abenteuer wohnt nun im Alltag.
Ziemlich sicher werden sich unsere Reisen verändern. Im Urlaub braucht es fortan mehr Ruhe, wenn auch die Räder und das Zelt sicher nach wie vor mitkommen werden. Draußen sein, nicht in geschlossenen Räumen, das tut einfach so gut. Wenngleich auch diese Reise abermals bewusst machte, dass die Klimakatastrophe ausgerechnet eine so klimafreundliche Art, Urlaub zu machen, durch immer häufigere und krassere Extremwetterereignisse erschwert.
Und schon bald erzähle ich von unserer Reise. Dabei immerhin kann der Diabetes außen vor bleiben, denn alles, was ich darüber in dieses Internet schreiben wollte, ist nun getan.

