Complet.
Ausgebucht. Das ist am ersten Wochenende nach Beginn der Hitzewelle, die abermals als historisch bezeichnet werden würde, überall zu lesen. Wer kann, flieht vor den überhitzten Städten. Die Zahl der Toten durch die Hitzewelle im Juni wird in Frankreich auf 5.800 geschätzt werden. In Deutschland sieht es nicht anders aus, während unsere Regierung – nun ja, lassen wir das. In Köln steigen die Temperaturen jedenfalls auch auf deutlich über 40 Grad. Da ist es gut zu wissen, dass unser Bad Kleingarten von unserer Freundin Ute gehütet wird, die als Dachgeschossbewohnerin dort zugleich etwas Zuflucht findet.
Es wird schlagartig klar, dass wir uns fürs Wochenende angesichts der angespannten Unterkunftslage ein Plätzchen suchen müssen, wo wir es gut aushalten können. Der Campingplatz in Wissant hat keinen Platz mehr für uns, bis hinter Boulogne-sur-Mer ist es uns zu weit. Mir wird außerdem bewusst, dass ich derzeit es nicht gut schaffe, relativ untrainiert bei Hitze Rad und Gepäck über die Hügel um Boulogne-sur-Mer zu fahren und dabei vernünftig meinen Diabetes zu verwalten. Ich bin froh und stolz, das über die Hügel bis Wissant gut hinbekommen zu haben. Aber die Vorstellung, das bei deutlich höheren Temperaturen zu tun – nein, danke. Immerhin ist das hier Urlaub.
In Wissant geben wir uns nochmal dem Meer hin. Hier und da blicken wir auf die Kreideküste von England. Gewaltige Schiffe fahren durch die Straße von Dover. Die Wolken. Das Licht!
Tags drauf reisen wir ein Stückchen weiter die Opalküste hinunter, nach Wimereux, wo wir noch rasch einen Platz für unser Zelt reservieren können. Ach, das ist schon schön, angesichts der kurzen Etappe und bei anfangs bedecktem Himmel geruhsam packen zu können und dann loszugondeln.
Unterwegs im Seenebel
Es geht durch die Felder und entlang der nebelverhangenen Küste über schöne Wege erstmal nach Audresselles. Den Käse, der in diesem Ort hergestellt wird, hatten wir am Tag zuvor schon gekostet: Fleur d’Audresselles. Ein köstlicher Weichkäse mit gesalzener Rinde, mmh. Wir machen Halt, um uns die Kirche am Ortsrand anzusehen. Saint-Jean-Baptiste wurde im zwölften Jahrhundert erbaut, lese ich später nach. Wir gehen eine Weile über den Friedhof, wo die Gräber landestypisch mit Steinplatten bedeckt sind.
Ich mag, dass Verfall auf französischen Friedhöfen oft zum Konzept gehört. Das Dahingehen der Zeit lässt sich an den Gräbern ablesen, die manchmal recht kreuz und quer angeordnet sind. Auf vielen Gräbern sehe ich Blüten aus rotlackierter Keramik. Ich denke an den roten Mohn, der sinnbildlich an den Ersten Weltkrieg erinnert. Aber zu den Gräbern passt das dann doch nicht immer. Ein Moment der Stille an diesem Tag.
Und wieder Vauban.
Wir fahren weiter und kommen nach Ambleteuse mit seinem markanten Fort Mahon. Abermals von Vauban konstruiert, dem Festungsbaumeister Ludwigs XIV. Seine Spuren finden wir auf jeder Frankreichreise. Das Fort Mahon wirkt im Vergleich mit anderen Bauten von ihm beinahe possierlich. Gleich neben dem Fort wird mit einem Schlauchboot und einem Traktor herumgefuhrwerkt. Wanderer mit großen Rucksäcken kreuzen. Hier führt, wie zuvor schon in Wissant, der Küstenfernwanderweg GR120 vorbei.
Das Beste hier aber ist das kleine Café mit Blick auf Fort, Dünen und Strand. Einer der Gründe, warum Frankreich unser liebstes Urlaubsland ist, liegt in der Hingabe an kulinarische Genüsse dort. Man kehrt gern auch einfach auf einen Petit Café ein und nimmt sich dafür Zeit. Es kommt auch nicht alle fünf Minuten jemand vorbei und fragt, ob man noch etwas bestellen oder zahlen möchte. Wir nehmen also Platz, blicken in den weiten Himmel und erfreuen uns an Crêpe (die Dame) und Waffel (der Herr).
Die englische Küste, die von Wissant aus manchmal so aufregend nah aufleuchtete, lässt sich nun schon nicht mehr erahnen. Was aber auch an dem Drama aus Licht und Wolken liegt, dem ich hätte noch viel länger zusehen wollen.
Hi, na, Napoléon?!
Doch wir wollen noch nach Wimereux. Durch die Dunes de la Slack, eine weitläufige Dünenlandschaft, führt uns unser Radweg. Ich bin fotofaul an diesem Tag. Seenebel liegt über der Landschaft. Wir fahren so vor uns hin. Und irgendwann erreichen wir den Badeort Wimereux, der übrigens einst auf Weisung von Napoléon entstand. Dem begegnen wir in dieser Gegend selbstredend auch häufig, denn Häfen und das gegenseitige Streitigmachen von Küsten und den dahinterliegenden Ländern waren schon immer eine Lieblingsbeschäftigung von kriegslüsternen Männ-, äh, Menschen. Und so wechseln wir dann über die Pont Napoléon über den Fluss Wimereux. Ende des 19. Jahrhunderts lockte der aufkommende Bädertourismus die Menschen auch nach Wimereux und das brachte Leben in den Ort. Viele Hotel, Pensionen und Villen wurden erbaut, die das Bild des Ortes bis heute prägen.
Wie so viele Küstenstädte geht auch Wimereux unter vor lauter Autos, ob fahrend oder parkend. Und völlig wahnsinnigen Motorradfahrern, die mit aufheulenden Motoren durch die Stadt und in die Hügel des eigentlich sehr schönen Umlands rasen. Wir waren zunächst etwas entgeistert, nachdem es in Wissant im Vergleich geradezu beschaulich war.
Rast unter Bäumen
Wir stellen unser Zelt auf dem Campingplatz mit wundervollen alten Maulbeerbäumen auf, gleich neben einer prächtigen, von Zaunrüben überwachsenen Brombeerhecke. Ein Paradies für Wildbienen, Schwebfliegen, Schmetterlinge und Vögel. Übers Wochenende werden wir hier nun bleiben. Zeit genug, um uns zu überlegen, wohin und wie wir weiterreisen werden. Eigentlich ist unsere Hoffnung, dass wir einen Ort für uns finden, wo wir eine Woche oder zehn Tage bleiben können. Dieser hier wird es nicht sein.
Lieber Bahn.
Wir sehen uns Wimereux an, kaufen ein, lassen uns bekochen, finden eine fantastische Eisdiele, kochen selbst, sitzen lesend unterm Maulbeerbaum, trödeln herum. Und nachdem Herr Hoffmann einen Ausflug zu Decathlon im nahen Boulogne-sur-Mer gemacht hatte und vom Radweg in praller Sonne gleich neben der vielbefahrenen Straße und den Anstiegen berichtete, ist klar: Wir lassen uns von der Bahn ein Stück weiter die Küste runter fahren. Fahrräder fahren im französischen Regionalverkehr kostenlos, nur in manchen Linien muss man reservieren. Die Buchung geht, naja, einigermaßen problemlos. Ich hantiere mit der SNCF-App, der Website der Regionalbahn, Suchmaschine und Deepl. Es ist durchaus ein Durchwurschteln, aber am Ende haben wir eine komfortable Verbindung mit einem Umstieg, Reservierungen für die Räder und Tickets für uns.
Bevor es losgeht, nehmen wir noch ein Getränk in dem Haus, das sicher eins der schönsten in Wimereux ist. Treffer! Wir landen an diesem Sonntag in der Dorfkneipe, wo gemütlich-geschäftiges Miteinander ist. Bonjour messieurs dames. Erfreut treten wir ein. An einem Tisch nehmen wir Platz, bestellen – und dann taucht ein älterer Herr auf und begrüßt uns per Handschlag. Hinreißend.
Am Bahnhof Wimereux-Wimile steigen wir dann ein. Es ist mächtig heiß. Innerlich beglückwünsche ich uns laufend, dass wir uns gegen die Hügel bei Hitze entschieden haben. Am Bahnhof ist außer uns nur noch ein im Leben gestrandeter Mensch, dem ich eine Flasche Wasser und eine Rolle Haribos anbiete. Wenig genug. Der klimatisierte Zug bietet immerhin auch ihm für eine Weile Zuflucht.
Das Gras ist auf der anderen Seite des Zauns stets grüner. Und so empfinde ich Bahnfahren in anderen Ländern als meist geschmeidiger als in Deutschland. Es funktioniert einfach alles gut. Dass wir in einen der Züge nicht nur unsere Räder barrierefrei in den Wagen schieben können, abstellen und gleich darüber ein Gepäckfach vorfinden – wow. Da ist es auch verschmerzen, dass die Steckdosen nicht funktionieren und es kein WLAN gibt. Nicht mal Netz. Ts.
Nachdem wir die Küstenstädte mit ihrem Eventtourismus nun ein wenig über haben, zieht es uns an die ruhigere Somme. Naturschutzgebiete und kulturhistorisch interessant klingende Städte, dazu der Radwanderweg Vallée de la Somme, das sehen wir uns an.
In der Baie de Somme
Wir landen entspannt und ausgeruht in Noyelles-sur-Mer. Nicht weit entfernt ist Saint-Valery-sur-Somme, über das ich vorab schon viel Gutes gelesen hatte. Außerdem sollten wir an ein Mittagessen denken – mein innerer Fensterrentner, der Diabetes, besteht auf seinen regelmäßigen Mahlzeiten. Ach, was für eine herrliche Gegend ist die Baie de Sommes! Die Bucht gilt als die schönste der Picardie. Es gibt hier eine gewaltigen Tidenhub. Bei Ebbe sieht man die Salzwiesen, Sandbänke und Priele. Das Watt würzt die Luft – wie immer etwas gewöhnungsbedürftig, gerade an einem solch heißen Tag.
Kurz vor Saint-Valery-sur-Somme sichten wir ein Rudel Sonnenschirme, das auf ein Lokal hinweisen könnte. Noch etwas, das Frankreich auszeichnet: Viele Restaurants machen nicht erst am Abend auf, sondern es gibt eine Mittagspause, in der gegessen wird. Gern in Gesellschaft. Gern mit Zeit für ein Menü. So auch hier. Wir lassen uns selig seufzend unter den Sonnenschirmen nieder und ordern das Tagesmenü. Meist gibt es jeweils zwei Gerichte, die zur Auswahl stehen. Man wählt daraus zwei oder drei Gänge. Manchmal gibt es auch eine Plat du Jour, ein Tagesgericht, das ohne Vor- und Nachspeise angeboten wird. Und wir haben Glück: Alles ist einfach und gut, die Atmosphäre nett.
Eis essen an historischen Orten
Wir fahren rein nach Saint-Valery-sur-Somme, ein lebhaftes Örtchen mit einem mittelalterlichen Stadtkern auf einem Hügel. Alles sehr malerisch und verständlicherweise Anziehungspunkt für viele Tourist*innen, für die wir auf unseren bepackten Abenteuerfahrrädern an diesem Tag offenbar eine Attraktion sind. Historisch interessant ist Saint-Valery-sur-Somme übrigens, weil Wilhelm der Eroberer am 30. September 1066 von hier aus zur Eroberung Englands durch die Normannen aufbrach. Wie sein Beiname es bereits verrät: Er schaffte es und wurde König von England. Ich finde es oft seltsam, an solch historisch bedeutenden Orten ganz banal ein Eis zu essen. Andererseits trägt nun wirklich jeder Ort seine ganz eigene Geschichte in sich.
Inzwischen ist es Zeit, aufzubrechen. Wir wenden uns der Somme zu. Der Radweg führt am Canal Maritime d’Abbeville à Saint-Valery-sur-Somme entlang, der uns schnurgerade nach Abbéville führen wird. Über Kilometer hinweg fahren wir am wenig beschatteten Kanal entlang, was sich trotz der fantastischen Natur um uns herum ganz schön zieht. Um uns herum ist jede Menge los, ein Paradies für alle, die Vögel lieben. Wir fahren dann auch am Réserve Ornithologique Baie de Somme – Grand-Laviers vorbei, das wohl alle ornithologisch interessierte Menschen anziehen sollte. Das ganze Gebiet ist durchzogen von Wasserläufen, Tümpeln und Seen, dazwischen wildes Grün. An den Rändern der Wege, die wir an diesem Tag fahren, sehe ich artenreiche Säume mit einer Vielzahl von Insekten, einfach toll.
Irgendwann erreichen wir dann aber endlich Abbéville und ein Stück weiter, etwas außerhalb, den Campingplatz, von dem wir uns einen Ort für die noch kommenden Hitzetage erhoffen. Uns begrüßt ein lustig schief krähender Hahn. Und doch sollten wir nur zwei Tage bleiben. Immerhin entdecken wir die vielleicht traurigste Stadt Frankreichs: Abbéville.
Was zuvor geschah
Sommerfrische in Nordfrankreich (1): Von Ostende nach Wissant
Frankreich mit Rad und Zelt: der erste Urlaub mit Diabetes Typ 1

Das Hüten von Bad Kleingarten war an diesen Tagen ein großes Glück. 💚
Schön zu lesen, wie es euch derweil erging.