Ankommen.
Das ist unser Wunsch. Gerade weil die Hitze immer heftiger wird. Der angesteuerte Campingplatz in Mareuil-Caubert bei Abbeville klingt genau nach dem Ort, den wir brauchten: nicht allzu groß, abseits lauter Straßen, kein Animationsquatsch, im Grünen gelegen, ein Platz mit hohen Bäumen (Schatten!) und einem See, eine kleine Gastro und ein Lebensmittelverkauf vor Ort und nahebei eine größere, kulturell interessant wirkende Stadt mit Supermarkt, Wochenmarkt und Lokalen.
Auf dem Campingplatz selbst ist zu lesen, dass der Inhaber noch sehr jung ist und seit 2023 viel erneuert. Er hat sogar ein Ebook darüber veröffentlicht. Da hat jemand wirklich viele gute Ideen, von einer Art Streetfood-Wagen mit kleinem Biergarten über ein vielfältiges Angebot von allem möglichen, was Campingmenschen brauchen (z.B. die Rolle Klopapier oder der halbe Liter Milch, aber vor allem Konserven und Fertigfutter – weniger interessant für uns), bis zur Portion Waschmittel für die Waschmaschine, die wir in Anspruch nehmen werden. Wir sehen auch ziemlich schicke, neue Unterkünfte für Reisende ohne Zelt oder Wohnmobil.
Eigentlich also alles richtig.
Der Empfang ist nett und hilfsbereit. Auf meine Frage, ob ich irgendwo meinen Diabeteskram kühl unterbringen kann, wird mir sofort der Gemeinschaftskühlschrank gezeigt. Super! Entzückend finde ich die gluckernden Hühner samt Hahn, der uns mit seinem schrecklich schiefen Gekräh ans Herz wachsen wird. Mit Zelt und Rad fühlen wir uns dennoch nicht so wohl, dass wir über zwei Nächte hinaus bleiben wollen. Wir bauen unser Zelt auf dem einzigen einigermaßen schattigen Platz gleich am Eingang auf, der leider wenig Ruhe auf dem eigentlich ruhigen Platz bietet: der Wiesenrand dient als Parkplatz oder um mal kurz mit einem Fahrzeug zu halten.
Manche Idee finde ich dann in der Umsetzung auch nicht gut gelungen. Der Streetfood-Wagen öffnet am Abend ab 20 Uhr. Essen wird zwar annonciert, aber zu sehen ist nichts davon. Wer Fritten anbietet, sollte idealerweise für frischen Frittenduft sorgen (und jemanden an den Tisch setzen, der genüsslich isst). Ein bewährter Lockstoff. Sinnvoll ist auch, schon an der Rezeption zu kommunizieren, was es ab wann gibt. Wir haben uns aufgrund des unklaren Angebots sicherheitshalber und mit Blick auf meinen Diabetes anderweitig versorgt. Wir trinken aber gern ein kaltes Bier und setzen uns an einen der Tische.
Drei weitere Radreisende sind auf dem Platz, wovon zwei sehr interessiert an Radreise-Small-Talk sind. Wah. Wir sind doch gern als mobiles Schweigekloster unterwegs. Nun möchte man uns zwangsgruppieren. Ich habe kein Interesse an Austausch darüber, wer jetzt welche Strecken schon gemacht hat oder wessen Equipment nun besonders toll ist. Ruckzuck habe ich Geschichten im Kopf, von denen ich gar nichts wissen will. Herr Hoffmann ist viel strikter und lässt sich erst gar nicht ein auf ein Gespräch. Wir zockeln von dannen und setzen uns lieber lesend vors Zelt.
Auch das mit dem Bestellen von Brot für den Morgen klappt nicht gut. Viele Campingplätze bieten an, für den nächsten Morgen Brot zu bestellen. Frisches Baguette und das Croissant gehören selbstverständlich in Frankreich dazu. Oft ist dann die Ausgabe des Bestellten gegen 8 Uhr, selten erst um halb 9. Hier warten wir mit den anderen bis kurz nach 9, bis wir wirklich enttäuschend schlechte Croissants in Händen halten. Menno.
So düster wie traurig: Abbeville
Der Weg nach Abbeville ist mit dem Rad nicht weit, aber unangenehm zu fahren. Es gibt auch in Frankreich Orte, die sich durch das Ausweisen von Radwegen vielleicht eine EU-Förderung sichern. Aber wenn die Radwege dann einen halben Meter breit sind, über die eigentlichen Gehwege führen und als solche in einem katastrophalen Zustand sind, nützen auch die aufgemalten Fahrradsymbole nichts. Farbe ist keine Infrastruktur. Lässt Leute im Auto aber im Glauben, dass man mit dem Rad nichts auf der Straße zu suchen hat, weil Raaaaadweeeeeg! Joa. In solchen Situationen ist Frankreich eben auch mal wie Deutschland.
Inzwischen habe ich mir angesehen, wie denn eigentlich die politische Stimmung ist in Abbeville: Im März wurde bei den Kommunalwahlen ein junger Bürgermeister gewählt, Angelo Tonolli, der Kandidat eines linken Bündnisses war. Ziemlich beruhigend, dass er beinahe die Hälfte der Stimmen erhielt, während die Kandidatin von Rassemblement national auf kaum 20% der Stimmen kam. Ich wünsche der Stadt einen Aufbruch.
Denn Abbeville ist die vielleicht traurigste Stadt Frankreichs, in der ich bisher war. Nicht nur die Hitze drückt aufs Gemüt.
Dafür sind auch die Deutschen verantwortlich. Zwischen 1940 und 1944 wurde in der Stadt viel zerstört. Auch die Stiftskirche St-Wulfran wurde teilweise zerstört. Später wurde die Stadt – ähnlich wie Köln – als autogerechte Stadt gestaltet. Es ist ein ernüchternder Anblick, wenn man die stattliche Kirche auf dem kleinen, schmucklosen Platz sieht, davor und drumherum Parkplätze, Straßen und Zweckbauten. Es gibt ein paar Bügel zum Abstellen der Räder am Rande der Kirche.
Und wir haben Glück: Gerade endet ein Gottesdienst und wir können ins Kircheninnere schlüpfen. Schönheit und Versehrtheit, die Fotos der zerstörten Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg, die laminierte Dokumentation in verschiedenen Sprachen, auch in deutscher, die rührende Kinderecke, die ich auch in anderen französischen Kirchen schon so ähnlich sah. Wir vertiefen uns gerade erst in die Dokumentation, da werden wir schon mit den wenigen anderen Interessierten hinausgebeten.
Die Kirche wird abgeschlossen. Dä.
Wir gehen in die aufgeheizte Stadt, deren Zentrum vor allem aus Straßen und Parkplätzen besteht. Schon ist Mittagszeit, alle Läden sind geschlossen und wir suchen uns ein einfaches, nettes Lokal für eine Mahlzeit. Ich lerne Oeufs mimosa kennen, die es als Vorspeise gibt. Herr Hoffmann entdeckt, dass nicht weit entfernt ein kleines Schloss mit Barockgarten zu sehen ist, das Château de Bagatelle. Da fahren wir hin! Aber, ach, am kaum zu findenden Eingang treffen wir auf einen jungen Mann, von dem wir nach viel Fuchteln und Übersetzungs-App (er sprach kein Wort Englisch) erfahren, dass man nur mit vorheriger Anmeldung reinkommt und auch dann nur im Rahmen einer Führung. Tja.
Zurück auf dem Rad macht hinter einer Kreuzung mein Hinterrad schlapp: Platten. Eine Scherbe hatte sich in den Mantel gebohrt. Großes Glück für mich, dass Herr Hoffmann so gelassen wie routiniert im Wechseln eines Schlauches ist. Mit wiederhergestelltem Reifen geht es zum Supermarkt und zurück zum Campingplatz. Wir freuen uns über Käse, Gazpacho, Oliven und andere Leckereien. Warum genau gibt es gekühlte Gazpacho im Tetrapack nicht in Deutschland? Eine Lücke!
Wir machen große Wäsche in der Waschmaschine. Die Hitzewelle hat unserer Kleidung fast sämtlich durch Schweiß und Sonnencreme eine gewisse Steifigkeit und interessante Salzmuster verliehen. Als sich Gewitter ankündigen, lösen wir auch das Rätsel des Trockners, ein uns ziemlich unvertrautes Gerät.
So. Und jetzt? Irgendwie gleitet uns die Zeit durch die Finger. Innerlich beschäftigt mich die Frage, wann wir uns Gedanken über den Heimweg machen sollten. Im Vorfeld hatte ich uns verschiedene Bahnverbindungen rausgesucht, aber das war zu einem Zeitpunkt, als die Hitze noch nicht real war und ich mir nicht so deutlich bewusst war, wie grundlegend mein Diabetes alles ändert. Auch unser Reisen. Der Gedanke, noch irgendwie weiter in die Normandie und vielleicht ins Cotentin zu reisen, schien plötzlich absurd.
Die Hitze würde erstmal bleiben. Wir nicht.
Wir entscheiden uns, nach Amiens zu fahren. Die Strecke ist auch bei den angesagten 40+ Grad zu schaffen. Es scheint unterwegs Orte zum Rasten und Einkehren zu geben. Und der Camping municipal in Amiens macht einen guten Eindruck. Amiens wirkt deutlich lebendiger und atmosphärisch lichter als Abbeville. Ich reserviere uns einen Stellplatz für unser Zelt, sicher ist sicher.
Schon am Abend packen wir alles mögliche zusammen, um am nächsten Morgen vor der großen Hitze loszukommen. Ich bin jedes Mal erstaunt, was alles auf unsere Räder passt. Wir sind ja mit viel Komfort unterwegs. Das geht alles deutlich schlanker, aber gewisse Dinge machen den Urlaub einfach angenehmer. Weil wir beide diesmal auch vorne am Rad Taschen haben, sind alle Taschen nicht voll bis obenhin. Das Packen ist entspannt. Am besten funktioniert es aber, wenn wir alle Taschen leeren und komplett neu packen. Das sieht dann kurz so aus, als seien die Taschen förmlich explodiert. Dann folgt eine Art Tetris, aber nichts verschwindet.
In den ersten zwei, drei Tagen einer Reise mit dem Rad suche ich immer (!) etwas. Dann findet sich eine Art Ordnung und ich weiß, was an Bord ist. Natürlich suche ich auch dann noch, aber gezielter. Das alles ist Teil der großen Radreisemeditation.
Wir schlafen gut, alle beide. Das glauben einem auch nicht alle, aber man kann im Zelt wirklich richtig gut schlafen. Also, ich tue es. Ich liebe es, mit den Naturgeräuschen ringsum einzuschlafen und, zumindest hier, vom schrägen Krähen des Hahns und der singenden Amsel geweckt zu werden. Die fluffige Wiese, auf der wir an diesem Ort stehen, macht das Ganze noch etwas komfortabler. Auch in der Hitzewelle kühlte es auf allen Campingplätzen nachts angenehm ab, weil überall Bäume, Wiesen und Wasser waren.
Am Morgen dann sind Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Inletts, Kissen, Bücher, Zeltküche, Kleidung, Schuhe, Handtücher, Stühle, Tisch, Diabeteskram, Kulturbeutel, Vorräte und alles andere in den Taschen und auf dem Rad. Wir verlassen Mareuil-Caubert und fahren Richtung Somme.
Es wird einer der heißesten Tage auf dem Rad ever werden.
Aber auch einer der schönsten.

Was zuvor geschah
Sommerfrische in Nordfrankreich (2): Von Wissant nach Abbéville
Sommerfrische in Nordfrankreich (1): Von Ostende nach Wissant
Frankreich mit Rad und Zelt: der erste Urlaub mit Diabetes Typ 1
